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Officina – Studio principale: Das Arbeitszimmer Gabriele D`Annunzios.
© (5) Timonti, Kahler

Luftaufnahme des Gesamtkomplexes des Vittoriale.

Il Bagno blu:Das Badezimmer.

 
Leben 11. Oktober 2012

Das Vermächtnis des Dichters

„Alles was ich habe, habe ich gegeben“.

Wagemutiger Kriegsheld, sprachgewaltiger Schriftsteller, leidenschaftlicher Liebhaber schöner Frauen – all das charakterisiert Gabriele D`Annunzio treffend. Mehr noch aber sein Vermächtnis: das Vittoriale degli Italiani. „Alles was ich habe, habe ich gegeben“ . Dieses Zitat steht an prominenter Stelle innerhalb dieses in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten architektonischen Gesamtkunstwerkes bei Gardone hoch über dem Gardasee.

Im Alter von 58 Jahren stand Gabriele D`Annunzio auf dem Zenit und an einem weiteren bedeutenden Wendepunkt seines bewegten Lebens.

Nach den dramatischen Ereignissen des Ersten Weltkrieges, wobei er mit seinem Flug in der SVA 10 über Wien Furore machte und mit den durch ihn geführten „Arditi“ 1919 über ein Jahr den Freistaat Fiume besetzt hielt, fand er 1921 am Gardasee einen Ort der Ruhe.

Ein Ort der Einkehr

Die nach dem Krieg beschlagnahmte Villa Carnacco des deutschen Kunsthistorikers Heinrich Thode wurde für den Kriegshelden und Schriftsteller zur „Prioria“, einem Ort der Einkehr und zum Mittelpunkt seiner späten Lebensjahre. „Nicht nur jedes von mir sorgfältig zusammengestellte Zimmer, sondern gar jeder Gegenstand, den ich zu verschiedenen Zeiten in meinem Leben ausgewählt und gesammelt habe (...) war für mich schon eine geistige Offenbarung“, so Gabriele D`Annunzio über die Ausgestaltung seiner Dichterresidenz. Die Villa adaptierte er seinen Wünschen gemäß. Hier pflegte er kultivierte Gesellschaften, fand die nötige Ruhe, um zu schreiben und konnte dort auch seinen zahlreichen amourösen Abenteuern nachgehen. Die heutzutage im Rahmen einer Führung zugänglichen Gemächer überraschen durch ihren Prunk, die zahlreichen Kunstgegenstände waren Teil seiner umfangreichen Sammlungen. D´Annunzio hat alle Interieurs, wie etwa die mit Seidendamast ausgekleidete „Stanza della Musica“ oder auch die „Stanza Mappa Mondo“ die seine Bibliothek beherbergt, und die „Stanza della Leda“, das Schlafzimmer des Literaten, selbst entworfen. Die prunkvolle Ausstattung ist sowohl gründerzeitlich als auch durch den Jugendstil und von den Einflüssen des Art Deco geprägt. Für Gabriele D`Annunzio, der sich sein Leben lang mit Luxus umgab, was ihn mehrmals in den finanziellen Ruin führte, war dies ein exquisites Refugium.

Luxuriöses Exil

Die Zeiten blieben jedoch unruhig: Das Königreich Italien war unter Viktor Emanuel III aus dem mörderischen ersten Weltkrieg nur scheinbar geschlossen hervor gegangen. Im Land gärte es, die italienischen Faschisten bereiteten unter der Führung Benito Mussolinis bereits zu Beginn der 1920er Jahre Zug um Zug ihre Machtergreifung vor. Im Oktober 1922 wurde sie mit dem Marsch auf Rom Wirklichkeit. Ob Gabriele D`Annunzio geahnt hat, dass ihn Mussolini taktisch geschickt politisch eliminieren würde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die „in Architektur verwandelte Literatur“, so D`Annunzio, wie sie in der „Santa Fabbrica“ („Heiliger Bau“) noch heute zu besichtigen ist, wurde über die Jahre jedenfalls zu einem feudalen goldenen Käfig für jenen Mann, der wohl als einer der wenigen dem Aufstieg der italienischen Faschisten wirksam hätte Einhalt gebieten können. Dieses selbst gewählte Exil entstand und wuchs unter der kundigen Leitung des Architekten Gian Carlo Maroni. Der „Meister der lebenden Steine“ war es auch, der die gesamte Anlage nach dem Tod Gabriele D`Annunzios 1938 fertigstellte. Im Lauf der 1920er Jahre war der Duce nicht nur Gast in der prachtvollen Villa, er machte Gabriele D`Annunzio auch immer wieder finanzielle Zugeständnisse in beachtlicher Höhe. Bedenkt man, dass dadurch ein ernst zu nehmender politischer Gegner völlig schachmatt gesetzt werden konnte, so war dies jedoch ein verhältnismäßig geringer Preis.

Geschenk an das Volk

Aber auch die Interessen des Hausherrn spielten bei all dem eine ganz wesentliche Rolle. Um clevere Schachzüge nicht verlegen, schenkte er kurz vor Weihnachten 1923 seinen ganzen Besitz dem italienischen Volk. So wurde daraus das „Vittoriale degli Italiani“, eine Weihestätte des Ersten Weltkriegs und zugleich ein Monument, dass das exzentrische und widersprüchliche Wesen Gabriele D`Annunzios in vielerlei Hinsicht widerspiegelt. Fortan wurden die Rechnungen in beträchtlicher Höhe ohne jeden Widerspruch bezahlt, die Anlage wuchs zu monumentaler Größe. 1925 wurde das Torpedoboot MAS des „Comandante“ zum Gardasee gebracht und von Gabriele D`Annunzio wiederholt zu Ausfahrten benutzt. Später erhielt es in der eigenes dafür errichteten Ruhmeshalle den ihm gebührenden Platz. Auch der Doppeldecker SVA 10 ist Teil des Gesamtkonzepts: Er hängt in der Kuppel über den Sitzreihen des Auditoriums in dem nur teilweise fertiggestellten Schifamondo-Flügel. Ursprünglich wurde dieser als moderner Wohntrakt geplant. Seit dem Tod D`Annunzios beherbergt er das Museo della Guerra. Ein Amphitheater, jenem antiken Vorbild in Pompei nachempfunden, vervollständigt die beeindruckende und weitläufige Gesamtanlage. Dort setzt – nach so viel luxuriösem Prunk und martialischen Kriegsrelikten – das Vorschiff des königlichen Kreuzers Puglia, das wie „aus dem Fels gewachsen“ und von Zypressen gesäumt in der Gartenanlage thront, den Besucher in Erstaunen. Über all dem erhebt sich das Mausoleum auf dem „Heiligen Hügel“ mit dem zentralen Sarkophag, in dem Gabriele D`Annunzio schließlich bestattet wurde. Damit findet dieses bemerkenswerte historische und inhaltlich vielschichtige Gesamtkonzept seinen krönenden Abschluss.

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