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Leben 4. Oktober 2012

Shades of White

Der Arztroman ist tot – lang lebe der Arztroman, wenn er sich zeitgemäß etwas schmuddeliger gibt als in den 1950er-Jahren.

Die populärwissenschaftliche Weltliteratur zu den Themen Schmuddel, Sex und Schmuddelsex erfreut sich zurzeit großer Beliebtheit. So wurde der Roman „Shades of Grey“ alleine in Österreich von rund 50 Millionen Frauen gekauft. Im gut sortierten Buchhandel ist das Werk neben „Ratgeber“ und „Heimatkunde“ in der Abteilung „Sadomaso-Softporno“ zu finden. Die Formulierung des deutschen Magazins Spiegel „Arztroman ohne Doktor, dafür mit Doktorspielchen“ hat mich natürlich besonders angesprochen.

Die vorwiegend weibliche Leserschaft (und ein paar Männer, die wissen möchten, was Frauen tatsächlich wollen und sich beim Studium der Lektüre Startvorteile im Geschlechterkampf erhoffen) kritisiert zwar den literarisch fragwürdigen Stil, kauft jedoch nun auch den zweiten Band. Hier hat sich wieder einmal gezeigt, dass Sex einfach sells. Nicht nur bei Männern.

So habe ich mich entschlossen, eine Trilogie mit dem Titel „Shades of White“ zu veröffentlichen und damit unsagbar reich zu werden. Denn ich biete einen „Arztroman mit Doktor und Doktorspielchen“ an. Die Handlung soll dabei kurz gehalten werden: Ein unfassbar wohlhabender Arzt mit Vorliebe für erotische Rollenspiele tritt in das Leben einer unfassbar unwohlhabenden Nicht-Ärztin, die darauf steht, dass sich ihr Partner als Arzt verkleidet. Dadurch kommt es auf seelischgeistiger Ebene zu einer Konfrontation zwischen den individuellen Autonomiebestrebungen und dem gesellschaftlichen Streben nach destruktivem Konformismus. Vor allem geht es aber um Schweinekram. Ich sehe mich bereits als viel gefragter Gast in einschlägigen bekannten Talk-Shows, im weißen Mantel am Roten Teppich anlässlich der Romanverfilmung von „Shades of White“ mit Brad Pitt und Sascha Hehn in den Titelrollen, oder mit nacktem Oberkörper am Cover des „Rolling Stone“.

Allerdings befürchte ich, dass ich spätestens bei der Formulierung „Langsam glitten seine starken Chirurgenhände …“ in lautstarkes Lachen ausbreche, das mir ein Weiterschreiben unmöglich macht.

Vielleicht sollte ich doch bei meinen Leistenbrüchen bleiben und das schreiben, was einem Arzt geziemt wie etwa „Anleitung zur Arthrose“ oder „Das langweilige Buch über Leberfunktionsstörungen“. Mit diesen Themen wird man zwar nicht reich, aber es bleiben einem zumindest in der Ordination die zweideutigen Andeutungen der Patienten erspart.

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