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© Thorsten Naeser/Presseamt München
Münchner Oktoberfest - bunte Vielfalt für die Sinne.
© Niederländer

Eine Fahrt mit der Krinoline darf bei keinem Oktoberfest-Besuch fehlen.

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Flink ist die Mass zur Hand: Wiesn-Serviererin in Aktion.

 
Leben 29. September 2012

Die einzig wahre Wiesn

Das Münchner Oktoberfest ist eine Institution. Auf manche übt es eine lebenslange Faszination aus.

Das weltweit berühmteste Volksfest hat viele Seiten. Trotz mancher Neuerungen bewahrt die Wiesn ihren besonderen und daher einmaligen Charakter.

Der erste Besuch des Oktoberfests mit Eltern und Schwester liegt nun schon 45 Jahre zurück. Damals war bereits die Fahrt von Freilassing in die Landeshauptstadt München etwas Besonderes. Und erst der Besuch des Oktoberfests: Die Vorstellung davon war zunächst vage. Karussells wird es wohl geben und Auto-Scooter, Zuckerwatte und gebrannte Mandeln. Die Vorfreude war groß, enttäuscht wurde sie nie.

Oktoberfest-Zauber damals ...

Zunächst wusste man gar nicht, wo man anfangen sollte, so faszinierend waren die ersten Eindrücke. Die Geräuschkulisse der Fahrgeschäfte, nur unterbrochen von den lautsprecherverstärkten Stimmen der Recommandeure war beeindruckend, die Vielzahl der Standln mit Lebkuchen-Herzen und Brezn fast unüberschaubar. Im Lauf des ersten Rundgangs gab es meist eine Fischsemmel, belegt mit Hering und viel Zwiebel. Obligat war der Besuch bei einer der Schießbuden, um zu versuchen, eines der Pappröhrchen zu treffen. Die verschiedenen Gerüche zogen einen alsbald in ihren Bann. Süßer Duft gebrannter Mandeln, Zuckerwatte und Steckerlfisch, Sägemehl und Bieraroma, dazu Wiesnhendl und Ochsenbraterei, all das lag in der Luft und vermischte sich zu einem ungeahnten Geruchserlebnis.

In der Abenddämmerung sorgte eine Vielzahl bunter Lichter für eine ganz besondere Atmosphäre. Die Stimmungs-Musik aus den Bierzelten lieferte dazu die akustische Untermalung. Bei Einbruch der Dunkelheit ging es, als krönender Abschluss, zur Ammer-Hühnerbraterei. Die war, obgleich nicht mit den Bierzelten der Münchner Brauereien in der Größe vergleichbar, dennoch imposant. Vor der Tür hieß es warten, denn selten war Platz. Dann, nach kurzer Zeit, kam eine der reschen Bedienungen, und wies uns auf frei gewordene Plätze an den Biertischen. Die dort verspeisten Grillhendln waren damals schon in der Art der Zubereitung kaum zu übertreffen. Wunderbar gewürzt und von erstklassiger Qualität, wenn auch nicht günstig. Aber da der Besuch der Wiesn eben nur einmal im Jahr stattfand, hat man sich das geleistet.

... und heute

Manches hat sich geändert auf der Wiesn, denn auch dort geht man mit der Zeit. Aber die Münchner sind im Grunde genommen Traditionalisten.

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude führt auch dieses Jahr wieder zu Beginn des Oktoberfestes den Anstich aus. Alljährlich laufen die Wetten, wie viele Schläge es wohl braucht, bis mit dem Ausruf „Ozapft is“ die Wiesn offiziell eröffnet ist.

Manch Kindheitserinnerung wird beim Flanieren über die Schaustellerstraße wieder wach: Duft von Gebratenem steigt in die Nase, während sich die Ochsen am Spieß drehen und es riecht verführerisch bei der Fischer Vroni nach Steckerlfisch.

Musik tönt aus den Bierzelten, und die bejahrte Krinoline dreht sich zum Spiel der legendären Krinolinen-Blasmusik im Kreise. Beim Schichtl geht es im Zaubertheater-Varieté seit 1869 mitunter recht schaurig zu, im Flohzirkus zeigen dressierte Flöhe ihr Können. Die Steilwandfahrer und -fahrerinnen von „Original Pitt´s Todeswand auf ihren Motorrädern versetzen alljährlich wieder das Publikum in Spannung und zeigen atemberaubende Kunststücke - ganz wie vor 45 Jahren.

Auch der Vogeljakob mit seinen Pfeiferln gehört, wie die Maß und die Brezn, zum Oktoberfest. Nicht nur im Vogelstimmen-Imitieren ist er äußerst geübt, auch sonst ist er nicht auf den Mund gefallen.

Wiesn-Kulinarik

Die Stimmungshits in den Bierzelten, in denen getrunken und geschlemmt wird, die gab es damals wie heute, das sind keine modischen Neuerungen. Lederhosen und Dirndl sieht man seit einigen Jahren verstärkt, das tut der Stimmung keinen Abbruch.

Und in den Bierzelten herrscht bis zur Sperrstunde um 23 Uhr Hochbetrieb. Die Bedienungen sind nach wie vor eher resch, bewältigen ihr tägliches Pensum, beladen mit Bierkrügen oder Grillhendln, aber mit erstaunlicher und bewundernswerter Gelassenheit. Apropos Wiesnhendl: Da hat jede Braterei für die Würzmischung ihr wohlgehütetes Geheimrezept. Auf das Oktoberfest kommen allerdings nur Hühner bester Qualität, die mit frischer Petersilie gefüllt und feiner Fassbutter während des Bratens bestrichen werden. Wer mag, bestellt sich ein Bio-Hendl, das kostet etwas mehr, ist aber im Geschmack noch feiner.

Das Bier der in München beheimateten Brauereien Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten wird allerdings nicht mehr wie früher in den sogenannten „Hirschen“, den 200 Liter fassenden Holzfässern, zur Wiesn gebracht und ausgeschenkt. Nur beim Augustiner bleibt man der Tradition treu, da kommt das Bier noch aus Holzfässern. Welcher Brauerei man den Vorzug gibt, ist Geschmacksache. Aber zur groß dimensionierten Wiesn-Brezn, oder zum Radi, Ochsenfleisch und Steckerlfisch munden die Oktoberfestbiere mit einer Stammwürze von 13 Prozent und etwas höherem Alkoholgehalt allemal besser als die hellen Münchner Lagerbiere. Grundsätzlich hat sich also über die Jahrzehnte auf der Wiesn doch gar nicht so viel verändert. Das Oktoberfest ist und bleibt für zwei Wochen ein Ausnahmezustand der liebenswerten Art. Eigentlich kann man gar nicht anders, als ihm die Treue halten.

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