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© M. Endlicher
© M. Endlicher
 
Leben 22. September 2012

Gelebte Dialektik gemalt

Vernissage der Ausstellung ZAUM * ZACK * ZUSE von Michael Endlicher am 28. September.

Michael Endlichers Wort- und Sprachbilder sind Einladungen zum lebendigen Austausch mit Kunst und Gesellschaft. Er präsentiert neue Werke im Kunstraum Dr. David in Wien.

Wenn der Architekt und Literat Friedrich Achleitner in einem Interview sagt, dass „man sich in der Literatur mit der Sprache handwerklich beschäftigen muss, dass Sprache unfähig ist, Wirklichkeiten abzubilden, aber dass Sprache eigene Wirklichkeit erzeugt, dass Texte etwas Neues entstehen lassen“, so beschreibt er genau die Tätigkeit von Michael Endlicher.

Im Gegensatz zu Paulus Hochgatterer, der von sich selbst sagt, dass er „ein libidinöses Verhältnis zur Sprache“ habe, ist die Beziehung Endlichers zu Sprache und Schrift eher wissenschaftlich, analysierend, experimentierend und sie in allen Facetten auslotend. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit diesen auch in ihrer Qualität als berührbares Material, form- und verformbar. Eigentlich sind es oft die „Löcher“, die ausgestanzten Buchstaben, die dem Wort-Bild Sinn verleihen. Dieser Sinn erschließt sich den BetrachterInnen oft erst durch sein gleichzeitig dargestelltes Gegenstück.

Das Spiel mit den Buchstaben gibt es schon lange: Seien es Rebusse, die negierte Pfeife Magrittes oder die kabbalistische Deutung, die Suche nach der immanenten Idee. Wir kennen die enorm ausgeschmückten Initialen in alten Handschriften, die auf die Wichtigkeit, aber auch den Inhalt des folgenden Kapitels hinweisen; auch in den Handschriften vor Gutenberg wurde diese Kunstform gepflegt und geschätzt. Das Zusammenspiel von Form und Inhalt folgte dem menschlichen Bedürfnis nach der ganzheitlichen Erfassung der Welt.

Wenn tatsächlich am Anfang das Wort war, dann bedurfte es auch des Gegensatzes, um Neues entstehen zu lassen; aus dem dialektischen Widerspruch ergibt sich nicht nur die Kreation und damit die Kreatur, sondern auch die Tatsache, dass man als Sprechender auch den „Gegensprechenden“, den Antwortenden, braucht, um lebendig zu sein. Tod – individuell und gesellschaftlich – findet dort statt, wo Sprachlosigkeit oder gar Ausdrucksverbote bestehen.

Und so sind Michael Endlichers Wort- und Sprachbilder Einladungen zum lebendigen Austausch mit Kunst und Gesellschaft, mit der Stellung des Menschen in beiden, zu Antworten und Verantwortung. Wenn er meint, dass Kunst nicht nur dazu da ist, einen Teil der gesellschaftlichen Realität abzubilden, sondern die Gesellschaft selbst zu spalten, dann geht es nicht um „Auseinanderdividieren“, sondern um Gegenüberstellen, Sichtbarmachen und in Dialog treten.

Michael Endlicher geht aber noch einen Schritt weiter: die Ausstellung der neuen Votivbilder mit dem Titel „ZAUM*ZACK*ZUSE“ verweist auf die totale dialektische Reduktion der Kommunikation durch den von Ernst Conrad Zuse entwickelten ersten binären Rechner, der auf der ewigen Darstellung „ist – ist nicht“ oder „Sein oder Nichtsein“ basiert. Bei „Zaum“ handelt es sich um eine russische Kunstsprache, die versucht, transrational, surrealistisch und nicht sprach-, sondern laut- und geräuschorientiert (Un-)Sinn zu vermitteln. Dass die beiden nicht gegensätzlichen, aber doch antipodischen Begriffe durch „ZACK“ getrennt bzw. verbunden werden, könnte auf den schöpferischen Moment des Urknalls verweisen – und von dem haben wir alle doch irgendwie profitiert.

Der Künstler, der nicht nur Maler, sondern auch Autor, Wort- und Videokünstler, Familienvater, Kunstkritiker und Kunstkritik-Kritiker, Beschreiber gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Zusammenhänge ist, präsentiert seine neuen Werke im Kunstraum Dr. David in 1130, Jagdschloßgasse 6.

Vernissage der Ausstellung Michael Endlicher

ZAUM * ZACK * ZUSE

NEUE VOTIVBILDER

Freitag, 28. September 2012, 18 – 21 Uhr

Kunstraum Dr. David 1130 Wien, Jagdschlossgasse 6

Die Ausstellung im ist bis 22. November 2012 jeweils Donnerstag von 17 – 19 Uhr geöffnet. (www.kunstpraxis-david.at)

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