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© Alex Lake
Lianne La Havas: Glanz und Glamour in der Stimme
© Maisie Cousins

Anna Calvi: Fragil souverän

© Chris Clor

Imelda May: Rockabilly Queen

 
Leben 14. September 2012

Schöne Töne

Es gibt sie, diese Momente, in denen man besondere Begegnungen erlebt. Sie bleiben oft nicht nur im Gedächtnis, sondern klingen – wie in diesem Fall – auch im Ohr nach.

Anna Calvi, Lianne La Havas und Imelda May: drei Sängerinnen, die unterschiedlicher nicht sein können. Eines haben sie allerdings gemeinsam, sie besitzen Persönlichkeit und unverwechselbare Stimmen.

Die erste virtuelle Begegnung mit Anna Calvi verlief verstörend. Ihr Auftritt, ihre Stimme, das alles will nicht so recht zu dieser zierlichen Erscheinung passen. Interviews mit Anna Calvi bestätigen diesen Widerspruch. Da ist sie anders, charmant, ein wenig scheu. Kaum ist etwas von dem, was live auf der Bühne oder im Studio passiert, zu spüren. Dort geht es in ganz andere Gefilde, voll packender Präsenz, Dramatik und Intensität. Was sie ihrer Fender Telecaster an Melodien entlockt, das hat getragene Schwere, ist Kammermusik in Moll. Die Werke von Messiaen, Ravel und Debussy prägen ebenso ihren Stil, wie der Swing Django Reinhardts und die unvergleichliche Virtuosität des Gitarrenspiels von Jimi Hendrix. Ihre Interpretation des Klassikers „Jezebel“ eher näher an Edith Piaf als an Frankie Lane, ist voller Dramatik. Die suggestive Wirkung der Texte und die hart-melodiöse Gitarrenbegleitung schaffen eine Klangatmosphäre höchster Intensität: wie ein schwerer, wolkenverhangener Himmel, kurz vor dem drohenden Unwetter. Die Akkorde schleppend und doch unaufhaltsam, gedehnt langsam wie in Slow-Motion. Und dann diese beschwörende, fast schon hypnotisierende Stimme. Songtitel wie „Desire“ oder „I´m your man“ deuten an, wohin die Reise geht. In ihrer Coverversion des Elvis Presley Songs „Surrender“ sind sehnsuchtsvoller Wunsch und unerbittliche Forderung sich so nahe wie selten einmal. In diesen Zwischenbereichen der Fragilität und Unsicherheit bewegt sich Anna Calvi souverän. So auch im Song „Blackout“ – im Finsteren verirrt man sich nicht zwangsläufig. Denn dort, in diesen unsicheren Bereichen, ist Anna Calvi eine überaus verlässliche Begleitung. Das stellt sie mehr als eindrucksvoll unter Beweis.

Kein Platz für Zweifel

Der Titel von Lianne La Havas zweitem Album klingt sehr pragmatisch. „No room for doubt“ bedeutet alles andere als zweifelnde Unsicherheit. Ihr Auftritt ist stilvoll, hat ein wenig 30er Jahre Flair. Hinzu kommt ihre unvergleichlich aparte Selbstsicherheit: das alles wirkt leicht, aber nicht leichtsinnig. Es ist wie ein Rückblick in die Club-Kultur der 1930er Jahre, dennoch zeitversetzt, denn Lianne La Havas betritt hier und heute die Bühne. Sie beeindruckt nicht mit Glanz und Glamour, dafür aber um so mehr mit ihrer Stimme, und ist damit eine jener wenigen, die die Zukunft des Soul in sich tragen. Die Gitarre hat sie als Begleitung, aber eigentlich gehört ihr die Bühne ganz allein. Jedes Mal wieder überraschend ist diese Stimme, die voller Wärme, über Beziehungen, Hoffnung und gebrochene Herzen, berichtet. Über all das weis Lianne La Havas mit ihren karibisch-griechischen Wurzeln wohl auch ganz gut Bescheid. Und verrät dennoch nur so viel, dass immer ein Rest von Melancholie und Geheimnis in ihren Songs mit schwingt. Natürlich ließen sich nun Vergleiche anstellen, aber wozu? Ratsamer ist es, einfach nur zuzuhören. Es wirkt wie ein Spaziergang, voller Gelassenheit, unaufgeregt und ganz bei sich. Und dadurch verändert sich die Welt ein klein wenig zum Besseren.

Diva aus Dublin

Seit sie 16 ist, tritt sie in den Dubliner Clubs auf, dann kam nach 20 Jahren der Erfolg über Nacht, wie Imelda May betont. Rockabilly ist für sie eine Herzensangelegenheit, ein dynamisch-rauer Sound geprägt von Leidenschaft, der sehr gut zu dieser ausgeprägten Stimme passt. Dazu kommt ein Schuss gefühlvoller Blues und packender Swing, denn nur ungern lässt sich Imelda May limitieren. Musikalische ist sie von Gene Vincent und Eddie Cochran und von Billie Holliday geprägt. Sie hat Klasse und Stil. Das Styling, von der Frisur bis hin zu ihren fabelhaften Kostümen, ist perfekt. Einer größere Öffentlichkeit bekannt wurde sie 2009 durch ihren Auftritt in der Show Later... with Jools Holland. Dessen Gespür für Talente ist sprichwörtlich, auch Lianne La Havas hatte dort einen ihrer ersten großen Auftritte. Sessions mit Guitar-Legende Jeff Beck trugen das ihre dazu bei, die Popularität weiter zu steigern. Ihr Mann Darryl Higham steht Imelda May als der wohl beste Rockabilly-Gitarist Englands, zusammen mit der exzellenten Band, bei den Auftritten und im Studio zur Seite. Sie selbst, aufgewachsen in einer musikalischen Familie mitten im historischen Herzen Dublins, den Liberties, ist trotz des mittlerweile einsetzenden weltweiten Erfolgs authentisch geblieben. Ihre kraftvolle Stimme hat Swing, verleugnet dabei aber auch nicht die rauen Seiten, die das Leben manchmal mit sich bringt. Ihre Version des Ed Cobb Klassikers Tainted Love aus dem Jahr 1965 der erst durch Marc Almond und Soft Cell ein Hit wurde, ist energiegeladen und voller Soul. Ein Stück musikalischer Leidenschaft und damit zeitlos.

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