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Leben 3. September 2012

Ramba Zamba in den Feuchtgebieten

Auch in den seriösen Fachmedien muss man mit aufsehenerregenden Titeln nach Leserschaft heischen. Ärzte lieben nicht nur Abgründe, sie wühlen auch gerne darin.

Ich bin mir nicht sicher, welche der Themen ich eher für die heutige Kolumne aufgreifen soll: Die Studie darüber, dass uns unsere Patienten nicht verstehen (ein wirklich überraschendes Ergebnis), oder der bemerkenswerte Umstand, dass in den Top 5 der angeklickten Links des Springer-Medizin-Apps der Artikel „Staubsaugen ist gut für die Prostata“ gelandet ist. In Anbetracht der Seriosität der „Nebenwirkungen“ möchte ich mich der Prostata widmen.

Denn das Interesse an einem Artikel mit solch einer Überschrift lässt vor allem Rückschlüsse auf die Leserschaft und damit die Spezies der Ärzte zu. Man sollte ja annehmen, dass die Mediziner jenen Bereichen, die unter der Gürtellinie angesiedelt sind, alleine mit einem akademischen Interesse entgegentreten. Dem ist nicht so.

Wir sind, auch wenn wir das in einer für die Patienten unverständlichen Sprache (womit wir auch das andere Thema abgehandelt hätten) kaschieren können – höchst simpel gestrickt. Und als Kabarettist weiß ich um jene Pointen, die bei den im Publikum anwesenden Ärzten das größte Vergnügen hervorrufen. Es sind nicht immer jene mit dem größten intellektuellen Tiefgang.

So ist es auch den Medizinjournalisten bewusst, dass eine boulevardeske Titelgebung die ärztliche Leserschaft deutlich mehr fesselt, als ein bloßes „Neuer Cholesterinsenker mit weniger Nebenwirkungen“. Es braucht mehr solcher Aufreger-Keywords wie Sex, Lust, Gewalt – oder eben Prostata.

Man sollte sich auch nicht der Illusion hingeben, für eine besonders feinfühlige Leserschaft anstößige Begriffe in Samt kleiden zu müssen. Ärzte wissen, was sich hinter der Chiffre „erektile Dysfunktion“ verbirgt.

Also besser ungehemmt drauf losschreiben, liebe Journalisten! Denn statt einen Titel wie „Oligurie bei Niereninsuffizienz“ zu wählen, darf man ruhig die beliebte Formulierung „Wenn’s mit dem Lulu nicht klappt“ verwenden. Und mit der „forcierten Diurese“ hätten wir auch ein wenig Gewalt ins Spiel gebracht. Aber auch „Brutalster Abwehrkrieg im Riechzinken“ ist fetziger als „Schnupfen“ und das abgedroschene „abdominelle Bauchfett“ gehört längst durch einen „kardiovaskulären Sprengstoffgürtel“ ersetzt. Ein „schmerzhafter Chlamydienbefall“ wird keinen Urologen hinter seinem Endoskop hervorlocken, ein „Leid durch Lust und Killerkeime“ schon eher. Aus einem „Analabszess“ wird rasch ein „Rambazamba in den Feuchtgebieten“.

All dies regt die schmutzige Phantasie des Lesers zu einem dreckigen Schmunzeln an. Wie eben auch ein Staubsauger, der mit der Prostata in Beziehung gebracht wird.

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