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© W. Regal (2)
Moulage einer Erfrierung

Abformung einer Schädelverletzung

 
Leben 27. August 2012

„Pollern“

Das revolutionäre Moulageverfahren des Alphons Poller.

„Pollern“ nannte man in den 1930er-Jahren ein „Abform-Verfahren“ für Medizin, Kunst, Wissenschaft und Kriminalistik. Für den medizinischen Bereich erfunden und in jahrelanger Arbeit perfektioniert hatte es der österreichische Mediziner Alphons Poller (1879 bis 1930). International bekannt wurde das revolutionäre Moulageverfahren aber durch seinen Einsatz in der Gerichtsmedizin und im kriminalpolizeilichen Dienst.

Der aus dem Riesengebirge stammende Poller hätte nach Wunsch seines Vaters – dieser war Militärkapellmeister – eine militärische Karriere machen sollen. Aus gesundheitlichen Gründen musste er aber seine Ausbildung in der Kadettenschule in Triest abbrechen. Da seine Interessen aber ohnehin eher in Richtung Kunst und Wissenschaft gingen, dürfte ihn dies nicht besonders betrübt haben. Künstlerisch begabt, betätige er sich jetzt als Bildhauer und Maler. Er holte die Matura am Akademischen Gymnasium in Wien nach und begann Medizin zu studieren. Als Student arbeitete er im Röntgenlabor Guido Holzknechts (1872– 1931) im Allgemeinen Krankenhaus und war hier an der Entwicklung des ersten klinisch brauchbaren Messgeräts für Röntgenstrahlen, des berühmten „Radiometers“ beteiligt. Im Jahr 1914 schloss er sein Studium mit dem Doctor medicinae ab.

Neue plastische Abformmassen entwickelt

Nach seiner Promotion landete Poller aufgrund seiner künstlerischen Begabung bei der Herstellung von Moulagen. Diese überaus realistischen Wachsnachbildungen krankhafter Veränderungen des Körpers waren als Studienobjekte weit verbreitet und wurden im medizinischen Unterricht häufig und intensiv genutzt. Das Abformen mit Gips und das Herstellen der Wachsmodelle erforderte höchste künstlerische Fertigkeiten. Poller versuchte, dieses Verfahren zu vereinfachen. Er begann zu experimentieren und erfand bald neue, wesentlich einfacher anzuwendende plastische Abformmassen.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er an das Moulagenlaboratorium der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin berufen. Später war er in Aachen und Königsberg (Kaliningrad) für die Herstellung künstlicher Gliedmaßen für verletzte Soldaten verantwortlich. In seinem Atelier in Aachen legte Poller auch eine Lehrmittelsammlung kriegschirurgischer Nachbildungen an. Die von Poller entwickelte Abdruckmasse „Negocoll“ hatte gegenüber Gips den großen Vorteil, dass sie elastisch war und in flüssigem Zustand wie Farbe mit einem Pinsel oder einer Spritze aufgetragen werden konnte. Auch zerbrechliche, empfindliche und schwierige Strukturen konnten mit dieser Masse problemlos abgeformt werden.

Nach dem Erstarren des „Negocolls“ konnte der Abguss wie eine Gummikappe oder ein Handschuh problemlos abgenommen werden. Nach Ausgießen des Formstücks mit der ebenfalls von Poller entwickelten Positivmasse „Hominit“ entstand dann eine Kopie, die auch die feinsten Details des Originals naturgetreu und in der richtigen Größe wiedergab. Durch nachträgliche Bemalung erreichten die Objekte eine derart verblüffende Natürlichkeit, dass es manchmal fast unmöglich war, zwischen dem Original und der Kopie zu unterscheiden. Ein Vorteil war es auch, dass die Negativmasse vor der Verwendung aufgekocht werden musste und somit gleichsam steril war. Daher konnte sie, abgekühlt auf Körpertemperatur, auch auf offene Wunden aufgetragen werden, um diese plastisch darzustellen oder eventuell verschiedene Schritte einer Operation zu dokumentieren. Da es sich beim „Negocoll“ um ein reversibles Hydrocolloid handelte, konnte es – zumindest theoretisch – nach Zerkleinern in einem Fleischwolf, wie Poller es selbst empfahl, beliebig oft aufgekocht und wiederverwendet werden.

Die mikroskopisch exakte Wiedergabe der Hautoberfläche machte das Verfahren natürlich besonders für die Dermatologie interessant, da es eine perfekte Wiedergabe der krankhaften, oft überaus zarten Hautveränderungen ermöglichte. Der ungarische Ophthalmologe Josef Dallos entwickelte in den 1930er Jahren mit „Negocoll“ und „Hominit“ die erste Methode, um vom lebenden Auge Abgüsse herzustellen, ein Meilenstein für die Herstellung von Kontaktlinsen.

Bedeutung für die Kriminalistik

“Im Jahr 1918 ging für Poller ein Lebenstraum in Erfüllung. An der Wiener Universität wurde ein „Institut für darstellende Medizin“ gegründet. Poller erhielt einen Lehrauftrag für darstellende Medizin und wurde Vorstand des Instituts. Sein großartig geplantes Programm konnte er allerdings nicht umsetzen. 1923 wurde das Institut wegen Sparmaßnahmen geschlossen und Poller entlassen. Der damalige Wiener Polizeipräsident und spätere Bundeskanzler Johann Schober (1874 bis 1932) – er gilt auch als maßgeblicher Initiator für die Gründung von Interpol – erkannte die Bedeutung des Pollerschen Verfahrens für die Kriminalistik und richtete Poller 1924 im Polizeigefangenhaus in Wien ein Laboratorium ein. Hier perfektionierte Poller seine Methode und etablierte sie als neuen Zweig des Erkennungsdienstes.

Als Konsulent der „Abformabteilung des Erkennungsamtes der Bundespolizeidirektion Wien“ formte Poller nicht nur Spuren von Verbrechen an „leblosen Gegenständen, wie Werkzeugspuren und. Dergleichen, besonders dann, „wenn die Gegenstände nicht vom Tatort entfernt werden können oder wieder repariert werden müssen“, sondern auch Abformungen von „Körperteilen oder Körpermerkmalen, die durch Fotografie nur unvollkommen festgehalten werden können“. Ohren, Narben, Nasen, Hände und Muttermale wurden ebenso auf diese Art erkennungsdienstlich behandelt, wie andere interessante Corpora deliciti, etwa Bissspuren, Fingerabdrücke oder Fußspuren, die mit der Pollerschen Technik sogar im Kies oder Schnee erfolgreich abgeformt werden konnten. Das sensationelle Pollersche Verfahren wurde bald weltweit von zahlreichen Polizeibehörden in ihre erkennungsdienstliche Routine aufgenommen.

Pionier der forensischen Gesichtsrekonstruktion

Die Nachbildung von Verletzungen an Lebenden oder Toten zählten ebenso zu den Aufgaben dieser Abteilung wie die Abformung von Gesichtern unbekannter Toter zur späteren Identitätsfeststellung. Mit seiner Erfindung wurde Poller zum Pionier der forensischen Gesichtsrekonstruktion. Dem Zeitgeist entsprechend plante Poller auch eine systematische Sammlung von Verbrechertypen mit Nachbildungen ihrer „Köpfe und anderer Körperteile“. Kriminologen forschten in den 1920er und 1930er Jahren bekanntlich nach den typischen anatomischen Kennzeichen Krimineller. Sie suchten – wie man heute weiß vergebens – nach Merkmalen an Händen, Kopf, Gesicht, Ohren und Augen, an denen der „geborene“ Verbrecher erkannt werden konnte.

Zahlreiche hervorragende medizinische Moulagen von Poller besitzt das Pathologisch Anatomische Bundesmuseum im Narrenturm. Interessante Pollersche Abformungen aus dem kriminalpolizeilichen Erkennungsdienst sind im Wiener Kriminalmusem ausgestellt.

Tipp

Wiener Kriminalmuseum,

vereinigt mit dem Museum der Bundespolizeidirektion Wien

Große Sperlgasse 24

A-1020 Wien

Öffnungszeiten: Do - So 10 bis17 Uhr

Führungen nach telefonischer Vereinbarung möglich

Tel.: +43 664 300 56 77

Mail:

Web: www.kriminalmuseum.at

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 35/2012

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