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Leben 17. August 2012

Urlaubsneid

Kollegen, die ihren Urlaub erst im September konsumieren, gelten als verdächtig.

Wenn man über eine kinderreiche Familie verfügt, so sind die terminlichen Möglichkeiten, in den Urlaub zu fahren eher beschränkt. Das wissen auch die Reiseveranstalter. So muss man mit den in bunten Farben unterlegten Höchtsaisonpreisen der Urlaubskataloge vorliebnehmen. Und die auf der Titelseite als zweiwöchiges Super-Schnäppchen um 299,– € angekündigte Weltreise kostet in den Schulferien das 20fache.

Dafür werden Familienoberhäuptinnen und -häupter bei der Urlaubsplanung in den Krankenhäusern zumeist bevorzugt. Für Singles und kinderlose Kollegen bietet sich schließlich auch noch der September an. Diese Option ist nicht für alle gleichermaßen geeignet. Wo sich manche über die niedrigen Preise und die leeren Strände freuen, beginnt für die anderen die Herbstdepression, wenn sie gemeinsam mit den heimischen Rentnern urlaubend und auf die herabgelassenen Rollläden der Strandbars, die gestapelten Sonnenschirme und die anrückenden Baukräne blicken.

Zudem kann ein an den Sommer angeschlossener Urlaub auch als illegitime Verlängerung der Ferien missinterpretiert werden: Da man schließlich nicht miterleben konnte, wie die im Juli und August Daheimgebliebenen den Stationsbetrieb aufrechterhalten haben, werden diese mit Argwohn beäugt, wenn sie dann zum regulären Arbeitsbeginn verreisen – gerade erst zurück und schon sind die wieder weg. Damit verfällt natürlich auch deren moralischer Anspruch auf die Weihnachtsferien. Der Neid ist wahrlich das schönste Laster.

Ein mindestens ebenso großes Neidgefühl kommt für viele nach dem Urlaub auf, wenn die aufregenden Ferienerlebnisse der Kollegen die eigenen bei Weitem übertreffen. Denn heute genügt es nicht mehr, in einem südeuropäischen Domizil am Strand zu liegen, um an der Arbeitsstätte imponieren zu können. Schließlich waren manche monatelang auf dem Jakobsweg, (während man selber maximal den Holzweg erkundet hat), andere haben in einem WWF-Projekt gestrandete Wal-Babys ins Wasser zurückgeschleift oder sind in einem selbst gebastelten Dreimaster ums Kap Horn gesegelt.

Solche Schilderungen sind mit Vorsicht zu genießen und spätestens bei Berichten vom karibiklauen Wasser des Plattensees oder den tropischen Temperaturen an der Nordseeküste sollte der Verdacht aufkommen, dass hier die Erlebnisse auch ein wenig schöngeredet werden und der noble Sonnenbrand vielleicht doch vom Solarium ums Eck stammt.

Der Vergleich macht unglücklich, sagen die Glücksforscher. Und die Freude am Schnorcheln in der oberen Adria sollte man sich nicht durch ein umwerfendes Taucherlebnis mit 14 Haien vergällen lassen. Denn wer Glück empfinden kann, kann dies sogar in einem wunderbar missglückten Urlaub.

Dr. Ronny Tekal-Teutscher ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

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