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Leben 3. Juli 2012

Klimatisch indifferent

Im Krankenhaus herrschen sowohl im Winter als auch im Sommer dieselben klimatischen Bedingungen.

Es gäbe so viel zu berichten, so vieles zu erzählen und satirisch in die Einzelteile zu zerlegen. Es warten so viele Kandidaten auf ihre gerechte Ironie. Alleine, es ist zu heiß …

In dem Moment, in dem diese Zeilen in dieses Kästchen mit dem durchwegs sympathisch vom Bild blickenden Menschen oben getippt werden, klettert die Quecksilbersäule auf gute 35 (Grad, nicht mmHg!). Das ist fast schon Körpertemperatur. Wie soll ein vernünftiger Österreicher da noch konzentriert arbeiten können? Viele Menschen flüchten vor der Hitze und fahren auf Urlaub, sinnigerweise in den Süden, wo es noch heißer ist.

Die Krankenhaus-Klimaanlagen halten Temperatur und Großwetterlage im Spital jedoch übers Jahr hinweg konstant. Die Anlage brummt, die Fenster bleiben verschweißt. Da gibt es keine Jahreszeiten. Und es ist völlig egal, ob man seine Galle zu Weihnachten oder im Hochsommer entnehmen lässt, denn man fühlt sich jahreszeitlos. Dies hat einerseits den Effekt, dass betagtere Menschen gerne in die Spitäler flüchten, um sich zwei Wochen lang ihre Hammerzehe und den nicht ganz so optimal eingestellten Blutzucker im kühleren Ambiente behandeln lassen. Andererseits bekommen Personen, die nicht mit diesen Temperaturen rechnen, beim Betreten des Spitals einen Kälteschock. Und auch wenn sie bis dahin weitgehend gesund waren: Jetzt haben sie ihre rheumatischen Beschwerden!

Mancherorts versucht man, die fehlenden Jahreszeiten mit kleinen Gesten und Symbolen wieder hereinzuholen. Der Tannenbaum zu Weihnachten oder der Osterschmuck aus Palmkätzchen sind nur zwei Möglichkeiten. Aber warum nicht auch im Sommer etwas Sand in die Gänge leeren, im Herbst Laub, im Winter Schnee und im Frühling ein paar gute Schaufeln Birkenpollen, damit die Allergiker auch auf im Gebäudeinneren wissen, welchen Monat es geschlagen hat.

Die innere Uhr des Menschen zu missachten führt wie wir wissen zu Depression, Müdigkeit und Burn-out. Lauter Dinge, die ein Arzt im Alltag an den Arbeitsplatz mitnimmt, sie dort perfektioniert und danach wieder nach Hause schleppt. So mancher Assistenzarzt kommt im Frühling in den Nachtdienst und verlässt das Haus, wenn die ersten Schneeflocken fallen. Vielleicht wäre auch für uns ein Konzept, wie es Waldschulen seit geraumer Zeit haben, sinnvoll: Dort gesund zu werden, wo andere sich ihre Zeckenbisse und Pilzvergiftungen holen. Ein Open-air-OP ist schnell errichtet, ein Moskitonetz darüber sollte in den urbanen Gegenden gegen Taubenkot von oben schützen. Wir müssen unsere Patienten und auch uns selbst wieder Wind und Wetter, den ganzen Launen der Natur aussetzen, um im Einklang mit der Welt zu gesunden. Außer bei so einer Hitze –, da lassen wir die gute, alte Klimaanlage brummen.

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