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Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at
 
Leben 27. Juni 2012

NebenWirkungen: Angelangt im dritten Jahrtausend

Neue Weltbilder drängen sich in die Medizin. Eine Vorstellung, die vielen älteren Kollegen so gar nicht behagt.

Viele Dinge, die sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt haben, sind für unsere tagtägliche medizinische Arbeit nach wie vor von Relevanz: Nach wie vor wird Blutdruck gemessen, in der modernen Maßeinheit Millimeter Quecksilbersäule, nach wie vor sorgen Einläufe für wohliges Schauern bei allen Beteiligten. Zwar gibt es heutzutage moderne Geräte und ausgefeilte, bis ins letzte Gen durchdachte gezielte Therapien, doch deren Effektivität lesen wir nach wie vor an unserer Quecksilbersäulen-Einheit ab und therapiebegleitende Einläufe schaden auch heute nicht.

Viele ältere Kollegen wehren sich daher gegen moderne Strömungen, die sich dem klassischen Dosis-Wirkungsprinzip und vor allem der Rolle des patriarchalischen Arztes widersetzen, denn was bisher so gut geklappt hat, das soll der Mensch nicht lösen. So kommt es immer wieder zu Konflikten mit jüngeren Revoluzzern, die etwas unkonventioneller denken, die Sinnhaftigkeit bestimmter Medikamente in Frage stellen, Patienten mitunter auch mal berühren oder sie gar als gleichwertig erachten. All das stellt eine offene Kampfansage dar.

Und die etablierten Mediziner sitzen nun mal am längeren Hebel. Sie haben meist die reservierten Parkplätze am Krankenhausareal, sie dürfen meist nachts im Dienst schlafen und bekommen dafür auch noch mehr Geld als der nicht schlafende Jungarzt an der Bettenfront.

Zwar sind die Jungen beim Wettpinkeln gegen prostatageplagte ältere Kollegen im Vorteil, doch dies ist keine Disziplin, der heutzutage hoher sozialer Stellenwert eingeräumt wird. Dabei könnten die Generationen so wunderbar profitieren von einander. Denn auch wenn die Jugend bei weitem nicht auf so viele unfallfreie Kilometer im Operationssaal verweisen kann, so verfügt sie doch über ein gehöriges Maß an Sensibilität für das, was Patienten im 21. Jahrhundert wollen.

Die Zahl der Jungärzte, die über exotische Zusatzausbildungen verfügen, steigt ständig. Kaum ein Orthopäde, der sich heute ohne Kenntnisse in manueller Medizin oder Osteopathie in die Praxis wagt; Gynäkologen, die bei den Entbindungen mit homöopathischen Kugerln jonglieren; Zahnärzte, die Hypnose und „sanftes Zähne ziehen mit anschließender Ausleitung“ anbieten; Pathologen, die mit einem Diplom in psychosomatischer Gesprächsführung mit ihren Patienten posthum konferieren; und der Facharzt für Labormedizin hat zumindest eine Schulung in „gendergerechter Blutabnahme“.

Wenn man das alles noch mit der Erfahrung der älteren Kollegen kombiniert, dann käme dies dem Bild eines perfekten Arztes schon verdammt nahe. Aber wer will schon perfekt sein …

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