zur Navigation zum Inhalt
Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 29. Juni 2012

Nachgefragt

Herr Professor, was empfinden wir als schön?

Zum Begriff der Schönheit möchte ich zwei Dinge anführen: Schon Platon hat gesagt, dass alles, was geschaffen wird, eines Schöpfers bedarf, eines Demiurgen. Der Demiurg war für ihn einerseits der schaffende Vater, also Gott, und andererseits jeder kreative Mensch. Jeder Mensch wurzelt nach Platon in zwei Bereichen: einerseits im Bereich der Erscheinung, der Phänomene, der Zeit und andererseits im Bereich der Idee, des Seins und der Ewigkeit. Wenn sich der Demiurg als Vorbild das ewige Sein nimmt, dann ist nach Platon das Produkt schön. Nimmt er sich als Vorbild dagegen das Vergängliche, dann ist das Produkt nicht schön. Das finde ich sehr bedenkenswert: Schönheit hat demzufolge immer einen Bezug zur Transzendenz.

Das Zweite, das ich anführen möchte, ist die Antinomie, von der Kant spricht: Das ästhetische Urteil steht nach seiner Ansicht immer unter einem Widerspruch: Zum einen muss das ästhetische Urteil von einem Menschen subjektiv gefällt werden, man kann das nicht objektivieren. Der Mensch muss sagen: Das gefällt mir, ich finde das schön. Zum anderen muss ein ästhetisches Urteil aber über das Subjektive hinausgehen, weil es sonst keine Bedeutung hat, das heißt, es muss nicht objektiv, aber intersubjektiv sein. Unter diesem Widerspruch steht das Schöne ständig. Brahms hat eine gute Synthese vorgeschlagen oder zumindest eine operationale Bewältigung, wie ich das nenne: Er hat nämlich bezüglich seiner eigenen Werke gesagt, man müsse nach seinem Tod noch 30 Jahre warten, dann wisse man, welche Werke von ihm schön sind und welche nicht.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben