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© Herlinde Koelbl

Pia Behnisch, Kaminkehrerin, Deutschland

 
Leben 29. Juni 2012

Die Freiheit des Korsetts

Deutsches Hygienemuseum: Erstpräsentation des Fotoprojekts Kleider machen Leute.

Der Mensch ist stolz auf sein eigenes, unverwechselbares Ich. Doch schon der öffentliche und der private Mensch können sich fundamental unterscheiden. Das zeigt die deutsche Fotografin Herlinde Koelbl in ihrer jüngsten Fotoserie.

 

Eine auf ihn gerichtete Kamera komme ihm vor, wie wenn mit einem Gewehr auf ihn gezielt werde, sagte einmal Thomas Bernhard. Und damit sprach der österreichische Dichter vielen Menschen aus dem Herzen.

Eine Porträtaufnahme hat große Macht: Sie hält den Fluss der Zeit an und legt eine Person, geradezu unerbittlich, auf einen einzigen Ausdruck fest. Im normalen Leben wechselt der Mensch ständig sein Gesicht, zumindest hat er dazu die Möglichkeit, das Foto dagegen zeigt nur einen Ausdruck, nur ein Gesicht.

Mit aller Kraft ganz entspannt

Auf einem Foto gibt ein Mensch, ob er möchte oder nicht, etwas von seinem Innersten, von seinem Charakter preis, allein schon durch den Umstand, wie er in die Kamera schaut und welche Haltung er dabei einnimmt. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. Vor dieser Macht, vor diesem Fixiertwerden, vor dieser entlarvenden Sicht fürchten sich viele, wenn nicht die meisten Menschen, Profimodelle und Schauspieler einmal ausgenommen. Und was machen wir in dieser Situation? Wir lächeln. Wir geben uns alle Mühe, freundlich und entspannt in die Kamera zu schauen. Das lächelnde, oft genug angestrengt lächelnde Gesicht ist geradewegs schon zum Stereotyp für Porträtaufnahmen geworden.

Auch sie lächeln fast durchweg, jene Menschen, die Herlinde Koelbl, 72, für ihr jüngstes Fotoprojekt Kleider machen Leute vor die Kamera geholt hat, das nun im Deutschen Hygienemuseum gezeigt wird. Allerdings tun sie das nur, wenn sie sich in ihrer Freizeitkleidung präsentieren. Die große deutsche Fotografin zeigt diese Personen ein weiteres Mal, nun in ihrer Berufs- oder Standeskleidung. Und erstaunlich: Ob Pilotin oder Krankenschwester, Jockey oder Ministrant, plötzlich scheinen diese Menschen eine Verwandlung durchgemacht zu haben: Sie zeigen sich nun sicherer und stolzer. Nicht länger sind sie Privatpersonen, jetzt sind sie Repräsentanten einer bestimmten Berufsgruppe, und der Betrachter hat den Eindruck, dass sie unversehens um fünf Zentimeter gewachsen sind.

Die Aufnahmen sind vor neutralem Hintergrund gemacht worden, nichts soll von der Hauptsache ablenken. Wie die Fotografin betont, hat sie ihren Modellen auch keine Anweisungen gegeben. Sie überließ ihnen, sich so zu geben, wie sie wollen. Vier Jahre hat sie an dem Projekt gearbeitet, in Deutschland und im Ausland, vor allem in Japan. Sie zeigt 70 Menschen in Doppelporträts: Der öffentliche und der private Mensch.

Die Uniform verschafft ihrem Träger Autorität

Gerne sprechen wir von der Kleidung als Korsett, das einengt. Koelbls Fotoserie zeigt, wie sie ihrem Träger auch Status und die Gewissheit verleihen kann, einer besonderen Gruppe anzugehören. Oder wie es einer der Porträtierten, ein Flugkapitän, ausdrückt: „Ich trage meine Uniform gerne und bin stolz darauf. Man schlüpft in die Rolle des Kapitäns und strahlt automatisch Autorität aus. Man spürt den Respekt, aber auch die Verantwortung.“ Ähnliches könnten sicherlich jene Mediziner von sich sagen, die mit wehendem weißen Kittel durch die Flure des Krankenhauses schreiten.

Dass ein arbeitsloser Schneider auch als Graf durchgehen kann, sofern er nur ein kostbar wirkendes Gewand trägt, das hat schon Gottfried Keller in seinem Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla (1874) gezeigt.

In einem ihrer vorigen Projekte hat Koelbl demonstriert, wie Macht die Menschen verändert. Dazu hat sie 15 Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft über mehrere Jahre, von 1991 bis 1998, fotografiert und interviewt. Spuren der Macht – Verwandlung des Menschen durch das Amt heißt diese Serie, und ein Teil von ihr, nämlich die Metamorphose der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, war zuletzt im Wiener Kunsthaus zu sehen.

In ihrer Serie Kleider machen Leute geht es auch wieder um Veränderung. Um Hinterfragung unseres Bildes und Begriffs der personalen Identität. Jeder Mensch mag sicherlich von sich sagen, dass er ein eigenes, un verwechselbares „Selbst“ hat. Koelbls Fotos zeigen allerdings, dass schon Weniges, nicht mehr als ein Stück Stoff genügt, damit der Mensch plötzlich ein ganz anders Verhalten und Körpergefühl an den Tag legt.

Von W. Müller , Ärzte Woche 26 /2012

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