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Leben 21. Juni 2012

Klavierüben für die graue Hirnsubstanz

Bereits zehn Tage fachgeleitetes Fingerspiel führen zu Änderungen in der kortikalen Plastizität.

Schon zwei Wochen regelmäßiges Klavierüben reichen, um der grauen Substanz im Gehirn einen Entwicklungsschub zu verpassen: Beide Gehirnhälften arbeiten besser zusammen und die Geschicklichkeit steigt, das berichteten italienische Forscher auf dem Europäischen Neurologenkongress in Prag.

Unser Gehirn ist „neuroplastisch“ und wächst mit Herausforderungen: Selbsttätig gestaltet es sich so um, dass seine Struktur und Organisation den jeweiligen Anforderungen bestmöglich entspricht. Häufig genutzte Gehirnregionen vernetzen sich dabei besser, während Ressourcen von weniger genutzten Bereichen abgezogen werden. Wie die italienischen Forscher nun zeigen konnten, sind Musikübungen ein besonders wirksamer Katalysator, um die Selbstoptimierung bestimmter Gehirnleistungen anzuregen.

Zwölf Testpersonen ohne musikalische Vorerfahrung trainierten dazu 35 Minuten pro Tag ihre beidhändige Fingergeläufigkeit auf ei-nem Keyboard. Tests der Bewegungsfunktion vor und nach zwei Übungswochen zeigten, dass die Probanden besonders in ihrer „schwachen“ Hand motorisch geschickter wurden – Rechtshänder etwa in der linken Hand. Zudem deuten Bildgebungen (EEG und TMS) darauf hin, dass die Gehirnhälften in der Folge besser kooperierten. Laut Studienleiterin dürften dieselben plastischen Änderungen in der Großhirnrinde auftreten, die man von Berufsmusikern kennt.

Mailänder Kollegen um Massimo Filippi liefern einen ähnlichen Nachweis: Ihre ebenfalls musikalisch unerfahrenen Testpersonen wurden geschickter und vergrößerten die graue (nicht aber die weiße) Substanz des Gehirns, indem sie in zehn Sitzungen Tonfolgen auf einer Tastatur mit vorgegebenen Rhythmen nachspielten. Wie die Forscher nachweisen konnten, fiel der Gehirnumbau und Lerneffekt bei jenen am stärksten aus, denen man die komplizierteste Aufgabe gestellt hatte.

Zusätzliche Gehirnwindung

Beim Musizieren werden verschiedene Sinnesebenen wie Sehen, Hören und Tasten gemeinsam angesprochen. Schon 2003 hat Bangert dargelegt, dass geübte Pianisten ihre Hörareale auch dann aktivieren, wenn sie eine stumme Klaviertastatur bespielen. Umgekehrt sind bei ihnen die Fingermotorikareale aktiv, wenn sie Klänge hören – „ihre Finger jucken“, wie es der Neurowissenschaftler formuliert. Derartige Effekte kommen tatsächlich durch Training zustande. Denn bei wiederholtem Üben geht es nicht nur um Reflexe, sondern um ein strukturelles Wachsen von Faserbündeln. Wie erforscht werden konnte, ist bei Berufsmusikern das ganze Gehirn entsprechend umgebaut.

Abstracts unter

http://bit.ly/NuQAIc ,

http://bit.ly/NuQArx  und

http://bit.ly/L350h9

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