zur Navigation zum Inhalt
Foto: Prestel Verlag
Foto: Covadonga Verlag Foto: Prestel Verlag
 
Leben 21. Juni 2012

Mit erhobenem Haupt

Fahrradfahren wird chic.

Fahrradfahren führe zu Atemnot, Herzklopfen und erhöhtem Blutdruck, warnten Ärzte noch Ende des 19. Jahrhunderts. Heute sehen sie das ganz anders: Wer sich tretend aus eigener Kraft fortbewegt, tut Gutes für sich und seine Umwelt. Wie an einer Vielzahl von neuen Buchveröffentlichungen zu sehen ist, ist Fahrradfahren dabei, geradewegs in Mode zu kommen.

Noch ist Dr. Klaus Renoldner eher ein Einzelfall. Der Gemeindearzt von Neupölla, Niederösterreich, pflegt seine Krankenbesuche, wenn es sich nicht gerade um einen Notfall handelt, mit dem Fahrrad zu machen. Warum auch nicht? Der Arztkoffer benötigt nicht unbedingt den Kofferraum eines Autos, der Fahrradgepäckträger tut es schließlich auch. Und warum in ein Gefährt von mehreren Tonnen steigen, geduckt und eingezwängt, wenn man, mit geradem Rücken und erhobenen Hauptes, sich auf den Fahrradsattel setzen kann? Man schont dabei die Umwelt, und etwas Bewegung an der frischen Luft tut gut, das weiß jeder Arzt, weil er es dauernd seinen Patienten predigt.

In Kopenhagen würde Dr. Renolder gar nicht weiter auffallen, denn dort machen 30 Prozent aller Einwohner regelmäßig ihre Wege mit dem Rad. Der Banker genauso wie die Hausfrau. In Wien sind es derzeit nur bescheidene sechs Prozent. Doch diese Zahl nimmt von Jahr zu Jahr zu, was nicht nur daran liegt, dass das Radwegenetz weiter ausgebaut wird, sondern auch daran, dass das Fahrrad gerade eine Art Imagewandel durchmacht.

Das Fahrrad gilt heute als Verkehrsmittel der Vernunft

Früher galt das Rad, das erstaunlich spät erfunden wurde, erst im 19. Jahrhundert, als das Fahrzeug der armen und einfachen Leute, eben jener, die sich ein Auto nicht leisten konnten. Heute gilt es schlichtweg als das Verkehrsmittel der Vernunft, insbesondere auf kurzen Strecken. Während der Autofahrer im Stau steckt, sich von einer roten Ampel zur nächsten quält und schließlich endlos lange einen Parkplatz suchen muss, ist der Fahrradfahrer schon längst am Ziel.

Uwe Mauch beschreibt sehr schön in seinem Buch Ausgenommen Radfahrer (Metro Verlag), wie er jeden Morgen die Fahrt mit dem Rad in die Arbeit, in die KURIER-Redaktion, genießt. Vorbei an den Autokolonnen, die im Morgenstau stecken, über die Donauinsel, wo er frische Luft einatmet, bergauf auf dem letzten Stück, durch den siebten Gemeindebezirk. 15 km jeden Morgen, nicht gerade wenig, doch er beginnt entspannter und ausgeruhter seine Arbeit als so mancher Kollege, der mit dem Auto kommt.

Das Fahrrad erlebt eine Renaissance, das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass eine wahre Flut an Fahrradbuchneuerscheinungen geradewegs den Markt überschwemmt. Bettina Hartz berichtet in Auf dem Fahrrad (DVA) vom Gefühl der Freiheit und des Glücks, das sie empfindet, sobald sie auf dem Sattel sitzt. Einst, schreibt sie, hätten gerade Ärzte vor dem Fahrradfahren gewarnt, denn das führe zu Überanstrengung, die sich in Atemnot, Herzklopfen, erhöhtem Blutdruck und Schwächegefühl äußere. „Ein Kölner Arzt behauptete sogar, gewisse Hirnteile würden durch das Radfahren so gehemmt, dass die Wahrnehmung unscharf werde und die Bewegung zu einer Art Betäubung führe, die der Wirkung des Haschischs nicht unähnlich sei.“

Schicke Leute, schicke Rädern

Zur Ehrenrettung der Mediziner sei gesagt, dass es ein Tierarzt war, der Schotte John Boyd Dunlop, der Ende des 19. Jahrhunderts den Fahrradluftreifen erfunden hat. Und damit den Grundstein dafür legte, dass heute insbesondere in London schicke Menschen auf schicken Rädern unterwegs sind, wovon die Aufnahmen von Horst A. Friedrichs in dem Bildband Cycle Style (Prestel Verlag) Zeugnis ablegen.

Das Fahrrad nicht nur als Verkehrsmittel und Sportgerät, sondern als wahres Kunstwerk, das feiert der Band Meisterwerke des Fahrradbaus (Covadonga Verlag). Es versammelt in schönen Bildern jene Räder, die einst in kleinen Werkstätten gefertigt wurden. Von ihrer Schönheit haben sie bis heute nichts eingebüßt. Und diese Schönheit wird gerade jetzt wieder entdeckt.

Von W. Müller , Ärzte Woche 25 /2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben