zur Navigation zum Inhalt
 
Leben 13. Juni 2012

Medizin ist geil

Um die Compliance der Jugendlichen zu steigern, könnten Apps, Like-Buttons, getwitterte News oder geile Festivals helfen.

Während der mühsam über die Jahrzehnte hochgezüchtete Renten-Fanclub in den Ordinationen seinen persönlichen Hausarzt bejubelt, ist eine solche Begeisterung bei der jungen Patientengeneration nicht so einfach zu entfachen.

Sehr pragmatisch gehen die Jungen an die Sache ran. Nach dem Prinzip einer Dienstleistung werden in der Praxis Krankenstandsmeldungen, Reiseimpfungen und Tabletten konsumiert. Der ganze Nimbus des Onkel Doktors, der Zauber des guten Gesprächs, die Verzückung beim hostienähnlichen Empfang eines Medikaments – mit all diesen Dingen kann unsere Jugend nur wenig anfangen. Ärztliche Empfehlungen und Warnungen werden zwar auch von den älteren Patienten in den Wind geschlagen, aber sie haben immerhin ein schlechtes Gewissen dabei. Die Jungen, von manchen Seiten auch als „Generation Wurscht“ verschrien, hören sich zwar geduldig unsere Ermahnungen an, denken jedoch nicht im Entferntesten daran, Konsequenzen aus dem Gesagten zu ziehen.

Dies ist einerseits sympathisch, denn eine nicht auf Autoritäten hörende Generation hat durchaus et-was für sich. Es stellt sich jedoch die Frage, wie man unsere wertvollen medizinischen Hinweise dennoch in die Köpfe der Kids bringt und die Compliance steigert. Dazu müssen wir mit der Zeit gehen und deren Lieblingsspielzeuge zu Hilfe ziehen: Broschüren haben ausgedient, ohne App läuft nichts mehr. Und einem geilen Ratschlag auf einem Smartphone schenkt man mehr Beachtung als einem langweiligen Mediziner.

Ein guter Arzt geht mit der Zeit, hat einen Facebook-Account und seine Patienten sind Friends und Fans. Statusberichte wie „Ich pople gerade mit einem Messer an einem eingewachsenen Zehennagel herum“ können von den Usern mit dem Like-Button kommentiert werden. Wichtige Informationen, die im direkten Gespräch nicht gut rüberkommen, kann man genauso gut auch twittern und erntet damit gleich eine Reihe von Sympathiepunkten. Online-Rollenspiele bergen die Chance, die Kids direkt in ihrer „World of Warcraft“ auszusuchen und als ärztlicher Avatar, etwa in Form eines Druiden, über die Schädlichkeit von vorehelichem Nikotinabusus aufzuklären. Statt einem Diät-Lager schickt man die Jugend besser in ein Nuke-Frequency-Open-Air-Camp, in dem sie sich ausschließlich von Red-Bull-Light ernähren dürfen. Von einer Überbuchung kann man ausgehen.

Aber Vorsicht: Erwachsene, die sich allzu sehr als Berufsjugendliche gebärden, waren bereits unserer Generation verdächtig. Und ein Trojanisches Pferd, das sich wie ein hip-per DJ gibt, in seinem Inneren jedoch nur gesundheitliche Besserwisserei zu bieten hat, fliegt recht rasch auf. Nicht umsonst heißt es: Traue keinem Onkel Doktor über 30.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben