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© A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann: „Unser Leben bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Heteronomie und Autonomie.“
 
Leben 13. Juni 2012

„Ein Experte kann bestenfalls großes Wissen haben, aber sicherlich nicht die Wahrheit“

Gespräch mit Prof. Dr. Herbert Pietschmann, Wien.

Immer wieder Unsicherheit. Die eine medizinische Studie sagt dies, die andere jenes, und zwar oft genug das genaue Gegenteil. So wissen wir oft nicht, was wirklich hilft und was nicht. Wie gehen wir mit dieser Unsicherheit um, als Mediziner, aber auch Patienten, die wir alle immer mal wieder sind? Wir sprachen mit Prof. Dr. Herbert Pietschmann, dem ehemaligen Leiter des Instituts für theoretische Physik, Universität Wien.

 

Herr Prof. Pietschmann, ob Nanosilber, Amalgam im Mund oder Handystrahlung, wir haben es in diesen Fällen immer mit dem gleichen Phänomen zu tun: Die Experten kommen zu unterschiedlichen, ja konträren Einschätzungen, von „völlig unbedenklich“ bis „höchst gefährlich“? Gibt es denn nicht so etwas wie eine objektive Wahrheit?

Pietschmann: Es ist eine weit verbreitete Illusion, die Naturwissenschaft könne Wahrheiten erkennen. Das Ziel der Naturwissenschaft war seit Galilei immer nur, gesichertes Wissen zu schaffen. Gewaltig genug, denn vor dem 17. Jahrhundert hätte niemand auf der Welt dies für möglich gehalten. Aufgrund dieser gewonnenen Erkenntnisse können wir heute zum Beispiel ein Flugzeug sicher in Betrieb nehmen – der Pilot muss nur nach einer vorgeschriebenen Checkliste vorgehen.

Aber: Diese Erkenntnisse beziehen sich nur auf jenen Teil der Welt, der reproduzierbar und quantifizierbar ist. Ein mindestens ebenso großer Teil von dem, was wir Welt nennen, fällt nicht in diese Kategorie. Da helfen keine Checklisten weiter. Immanuel Kant unterscheidet diese beiden Bereiche: er spricht von der Heteronomie oder Naturnotwendigkeit – hier unterliegt der Mensch den Naturgesetzen – und der Autonomie – hier hat der Mensch frei zu entscheiden. Das große Problem ist nun, dass es keine genaue Abgrenzung zwischen diesen beiden Bereichen gibt. Es wird immer einen Graubereich geben, wo einige Leute meinen, diese Sache gehört noch zum Bereich der Naturnotwendigkeit, und andere, die gehört zum Bereich der Autonomie. Als Erstes kommt es also darauf an, die richtige Zuordnung vorzunehmen, und schon diese Entscheidung kann uns kein Experte abnehmen, weil sie die Autonomie betrifft. Ich persönlich schlage immer vor, dass dort, wo die Experten nicht einer Meinung sind, die Sache dem autonomen Bereich zuzuordnen ist und eine eigene Entscheidung zu fällen ist.

Lassen sich aber offene Fragen nicht einfach durch ein Experiment klären?

Pietschmann: Man darf sich das nicht so einfach vorstellen: Man macht ein Experiment, und schon ist die Sache klar. In der Naturwissenschaft gilt ein Ergebnis dann als anerkannt, wenn es reproduzierbar ist und auch der schärfste Kritiker einräumen muss, ja, ich kann es nicht widerlegen. Die Wirklichkeit sieht so aus: Wenn jemand ein neues Ergebnis veröffentlicht, wird es in fast allen Fällen eine Gruppe geben, die sagt, es ist reproduzierbar, und eine andere, es ist nicht reproduzierbar. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen: Bei der Entdeckung der sogenannten neutralen schwachen Ströme hat es Monate, ja Jahre gedauert, bis Konsens darüber hergestellt wurde, dass das Ergebnis reproduzierbar ist. Dabei gilt, und das ist wesentlich, nicht irgendein objektives Kriterium, sondern das Konsensprinzip. Und dabei ist nicht auszuschließen, dass sich dieser Konsens später als größter Irrtum herausstellt. Bestes Beispiel: Ende des 18. Jahrhunderts lautete die Lehre der Schulphysik: Steine können nicht vom Himmel fallen. Die Pariser Akademie der Wissenschaften verkündete ex cathedra: Wer dies behauptet, ist entweder ein Betrüger oder irr! In der Folge warfen die großen Museen ihre großen Meteoritensammlungen auf den Müll. Ein gewaltiger Schaden für die Wissenschaft, wissen wir heute. Denn ein paar Jahre später erlebte just Paris vor seinen Toren eine der größten Meteoritenniedergänge der Welt. Und alle Welt musste einräumen: Die Außenseitermeinung hatte Recht!

 

Gesundheitseinrichtungen und ähnliche Institutionen haben nun allerdings die Verantwortung, einzuschreiten, wenn Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung droht.

Pietschmann: Bei sich widersprechenden Expertenmeinungen haben auch diese Institutionen keine andere Wahl, als nach Abwägen der unterschiedlichen Argumente zu einem Konsens zu finden: Sollen wir einschreiten oder nicht? Natürlich, im Nachhinein ist man immer klüger. Ich denke an den berühmten Fall Contergan in Deutschland. Damals hatte man gemeint, das ist ungefährlich. War es aber nicht! Das Beispiel zeigt, dass es in vielen Fällen einfach nicht möglich ist, eine Expertise mit eindeutiger Aussage zu finden.

 

Welchen Rat kann man nun dem Konsumenten geben?

Pietschmann: Wenn sich Experten widersprechen, kann man dem Konsumenten keinen anderen verantwortungsvollen Rat geben als den, sich selbst ein Bild zu machen und autonom zu entscheiden. Das tun wir ja alle ohnehin immer. Wir alle wissen, dass Skifahren gefährlich ist - und machen das trotzdem.

Infolge der unglaublichen Erfolge der Naturwissenschaft ist die Meinung aufgekommen, dass wir irgendwann einmal alles auf Heteronomie zurückführen könnten. Was wir heute noch nicht verstehen, werden wir einmal verstehen, wenn die Experten nur soweit sind. Dieser Irrglaube führt dazu, dass autonome Entscheidungen – also die Eigenverantwortung für sich selbst – immer mehr zurückgedrängt wird. Bei jeder Kleinigkeit rufen wir nach einem Experten, bei der Gesundheit ist das der Arzt oder die Ärztin. Und diesen Experten wird dann oft blind vertraut. Manche setzen auf die Statistik: Sie fragen drei Ärzte, und die Mehrheitsmeinung gilt! Dabei ist zu bedenken, dass die in der Medizin gängigen Doppelblindmethoden, die gerne als „wissenschaftlich“ bezeichnet werden, die Kriterien der Naturwissenschaft überhaupt nicht erfüllen – sie wären erst erfüllt, wenn auch der schärfste Kritiker die Ergebnisse anerkennt. Also: Ein Experte kann bestenfalls großes Wissen haben, aber sicherlich nicht die Wahrheit.

 

Die Lehre daraus?

Pietschmann: Das Leben bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Heteronomie und Autonomie. Wenn einer im Bereich der Heteronomie, der Naturnotwendigkeit, glaubt, er kann selbst entscheiden, so ist das einfach dumm. Beispiel: Ich fahre auf der Autobahn, plötzlich leuchtet eine rote Warnlampe auf, und wenn ich nun sage: Ich werde doch nicht wegen diesem kleinen Lamperl meine Reise unterbrechen, so ist das schlicht dumm. Aber ähnliche Sachen haben schon zu Flugzeugabstürzen geführt.

Wenn man im Bereich der Autonomie glaubt, man muss sich an einen Experten wenden, so ist das feige. Wenn ich bei der Wahl meiner Partnerin die Mama oder den Herrn Pfarrer frage, so ist das einfach feige. Das ist eine Entscheidung, die ich selbst fällen muss. Das große Problem ist nun, dass beide Bereiche nicht eindeutig voneinander abzugrenzen sind. So bewegt sich der reife Mensch auf einem schmalen Grat zwischen Dummheit und Feigheit. Es ist keine Schande, einmal nach der einen oder anderen Seite abzustürzen, weil das bei dieser Gratwanderung unvermeidlich ist. Eine Schande ist nur, wenn man nicht wieder hinaufsteigt und sich nach dem Grat sehnt. Die Versuchung ist groß, sich bei allen Fragen an Experten zu wenden. Wo es einen solchen Ruf gibt, da wird er auch erhört. Hier liegt nicht nur eine Schuld der Experten vor, die sowohl in der einen wie auch anderen Richtung fehlen können, sondern auch eine Schuld der Menschen, immer nach dem Experten zu rufen.

W. Müller , Ärzte Woche 24 /2012

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