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Van Swietens Abhandlung „Vampyrismus“ veranlasste Kaiserin Maria Theresia dazu, die unter dem Deckmantel der Vampir-Austreiberei betriebenen Leichenschändungen zu verbieten.

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Gerard van Swieten (1700–1772)

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Kongresse, Gesellschaften, Straßen, Kasernen und sogar eine Gattung des Mahagonibaums tragen van Swietens Namen.

 
Leben 13. Juni 2012

Der „Vampirjäger“

Vor 240 Jahren starb Gerard van Swieten. Als Reformator des Gesundheitswesens unter Kaiserin Maria Theresia erlangte er Berühmtheit. Weniger bekannt ist, dass er auch mit dem „Vampyrismus“ aufräumte.

Er galt als einer „der gelehrtesten Männer von Wienn“ und begründete den hervorragenden Ruf der Wiener Medizinischen Schule. Jedem Arzt in Österreich ist Gerard van Swietens (1700–1772) Wirken bestens bekannt, sollte es jedenfalls. Denkmäler wurden ihm errichtet, Kongresse, Gesellschaften, Straßen und sogar eine Kaserne nach ihm benannt. Ein ganz besonderes Denkmal setzte ihm aber der irische Autor Abraham Stoker.

 

Maria Theresia berief den Holländer im Jahr 1745 als Leibarzt des Herrscherhauses von Leyden – damals eine der besten Universitäten Europas – nach Wien. Hier reorganisierte van Swietens das Medizinstudium, führte den klinischen Unterricht – „Weg vom Buch, hin zum Bett“ – in die Ausbildung der Ärzte ein, gründete 1755 die neue Universität – heute Akademie der Wissenschaften, Dr. Ignaz Seipel Platz 2 im 1. Bezirk in Wien – und reformierte, in seinem Bereich autoritär wie Maria Theresia, das damals recht verwahrloste österreichische Gesundheitswesen.

Vorbild für van Helsing

Van Swieten starb am 18. Juni 1772 in Schönbrunn. Sein Grab befindet sich in der Georgskapelle der Augustinerkirche in Wien. Medaillen und Münzen mit seinem Antlitz wurden und werden geprägt, Straßen, Kongresse, medizinische Gesellschaften und eine Gattung des Mahagonibaumes nach ihm benannt und ihm zu Ehren auch zahlreiche Denkmäler errichtet. Das ist allgemein bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass ihm der Ire Abraham „Bram“ Stoker im Jahr 1897 ein literarisches Denkmal setzte. Der Autor nahm sich Gerard van Swieten als Vorbild für Dr. Abraham van Helsing, den Vampirjäger und Erzfeind des blutsaugenden Grafen Dracula in seinem gleichnamigen Roman.

Mag vieles in diesem weltberühmten Lehrbuch für Vampirjäger der reichen Phantasie des Autors entsprungen sein, van Swieten als Vorbild für den naturwissenschaftlich denkenden Jäger des Blutsaugers zu nehmen, ist aber ganz und gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Vampire als Verursacher von Krankheiten und Seuchen

Vorweg, Vampire hatten für die Menschen des 17. und 18. Jahrhunderts mit dem faszinierenden, bleichen Grafen mit den meist guten Manieren, den spitzen Zähnen und dem schwarzen Cape nichts zu tun. Auch nächtliche Blutorgien mit – zumindest bis zum Biss – unschuldigen Jungfrauen und kaum versteckter Erotik und Sexualität waren nicht wirklich ein Problem. Für diese Menschen waren Wiedergänger, schmatzende Tote, Nachzehrer, Untote oder eben Vampire die Verursacher unerklärlicher Todesfälle und gefährliche Verbreiter von Seuchen und Krankheiten.

Knoblauch zur Abwehr schien den mit der „Magia posthuma“, der „Zauberey der Abgestorbenen“ behafteten Leichen damals recht gleichgültig gewesen zu sein. Da mussten schon handfestere Maßnahmen gesetzt werden, um den Blutsaugern den Garaus zu machen. Nur ein Pfahl durch das Herz, Kopf abschlagen oder verbrennen konnte die gestrafte Dorfgemeinschaft von solch einem „Vampyr“ erlösen, am besten alles zusammen.

Übergriffe von Untoten

Der erste „amtlich“ nach Wien gemeldete Übergriff eines Vampirs ereignete sich im Jahr 1725 im Grenzgebiet zwischen der österreichischen Monarchie und dem osmanischen Reich. Kurz nach dem Tod des Peter Plogojowitz in Kislova starben neun Menschen nach kurzer Krankheit aus unerklärlichen Gründen.

Nach eigenen Angaben hatte Plogojowitz alle Opfer kurz zuvor in der Nacht überfallen und gewürgt. Für die Bewohner des Dorfes war die Sache klar. Plogojowitz war ein Untoter und folglich als Blutsauger unterwegs. Panik breitete sich im Dorf aus und man erbat sich Hilfe von der Obrigkeit in Belgrad.

Keine Verwesung

In Anwesenheit eines Popen und eines Apothekers wurde Plogojowitz im Beisein der Behörde exhumiert. Die Leiche zeigte, wie von der Dorfgemeinschaft sowieso erwartet, keine Zeichen von Verwesung – der Beweis für das Vorliegen eines Vampirs –, und rasch wurde getan, was in solchen Fällen getan werden musste. Man pfählte die Leiche mit einem spitzen Pflock und verbrannte sie anschließend.

Ein Bericht davon ging an die Behörde in Wien und durch eine Indiskretion auch in die österreichische Staatszeitung, das „Wienerische Diarium“. Etwas später erschien in reißerischer Aufmachung auch ein Flugblatt mit dem Titel „Entsetzliche Begebenheit, welche sich in dem Dorf Kiselova in Ober-Ungarn, vor einigen Tagen zugetragen“. Der Hofkriegsrat in Wien befasste sich mit dem Fall, legte ihn aber bald zu den Akten.

Der richtige Umgang mit Vampiren

Der zweite in Wien aktenkundige Fall ereignete sich im Winter 1731/32 in der Ortschaft Medwegya, ebenfalls nahe der türkischen Grenze. Hier starben 13 Menschen in sechs Wochen, nachts und im Schlaf. Der österreichische Amtsarzt, der zur Klärung des Falles in das Dorf geschickt wurde, konnte aber keine Anzeichen einer Seuche entdecken. Für die Bewohner des Dorfes war die Ursache aber sonnenklar: Vampire, was sonst. Die verdächtigen Leichen wurden exhumiert und auch der Amtsarzt musste feststellen, dass sie gut erhalten und rosig waren. Das genügte. Sechzehn Leichen wurde exhumiert und untersucht, zehn davon als Vampire entlarvt. Auch die Visitation zweier Regimentfeldschers änderte daran nichts. Danach „seyend denen Vampiren die Köpfe herunter geschlagen worden, und deren Cörper verbrennet, die Aschen in den Fluß Morava geworffen, die verwesenen Leiber aber in ihre vorgehabten Gräber geleget worden.“ Beide Fälle ereigneten sich noch unter der Herrschaft Kaiser Karl des VI., dem Vater Maria Theresias.

Als Aberglauben entlarvt

Als dann 1755 Berichte einer wahren Epidemie von Vampirismus aus dem Bistum Olmütz – unter 30 verdächtigen Leichen wurden 19 Erwachsene und ein Kind als „Vampyr“ identifiziert – den Wiener Hof, an dem jetzt aber bereits Maria Theresia herrschte, erreichte, reagierte die Monarchin sofort. Sie schickte einen Leibarzt der Armee und einen Anatomen nach Olmütz, um die in der Zwischenzeit durchgeführten Vampirhinrichtungen genauestens zu untersuchen.

Van Swieten beauftragte sie, die Berichte zu kommentieren und entsprechende Maßnahmen zu empfehlen. Der Leibarzt der Kaiserin kam zum Schluss, dass die unerwartet langsame Verwesung der Leichen auf natürliche Ursachen wie Temperatur, Bodenbeschaffenheit und Krankheit der Verstorbenen zurückzuführen sei und das „vermeintliche Drucken“ in der Brust der Dorfbewohner eher auf eine Brustkrankheit als auf Vampire zurückzuführen sei. Er verurteilte auch heftigst den Aberglauben der lokalen Behörden, der Kirche und die Unwissenheit der Ärzte vor Ort.

Vampir-Erlass

Maria Theresia folgte den Empfehlungen van Swietens und verbot im „Vampir-Erlass“ vom 1. März 1755 die Leichenschändung unter dem Deckmantel der Vampiraustreiberei. Ab diesem Zeitpunkt gibt es in Österreich – zumindest offiziell – keine Vampire mehr. In seiner Abhandlung über „Vampyrismus“ kommentiert van Swieten aber nirgends, die in allen Berichten gemachte Feststellung, dass nach einer – zugegeben recht grauslichen – „lege artis“-Tötung des Vampirs die unerklärlichen Todesfälle und der Spuk sofort beendet waren. Lügen alle diese Berichte? Oder doch nicht?

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