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© Wakolbinger
Gobiidae sp. Großaugen-Grundel, Bigeye-Gaby.

Unter der Oberfläche / Under the Surface Manfred Wakolbinger Mit Essays von Christoph Ransmayr und Wolf D. Prix 180 Seiten, € 39,95 SpringerWienNewYork, 2012 ISBN 978-3-7091-1074-4

 
Leben 12. Juni 2012

Wegtauchen aus dem Alltag

Manfred Wakolbingers Bildband Unter der Oberfläche.

Schon viele hundert Millionen Jahre, bevor das erste Tier auf dem Land Fuß fasste, waren die Ozeane voller Leben. In seinem neuen Bildband zeigt uns Manfred Wakolbinger die geheimnisvolle Unterwasserwelt.

 

Es gebe nichts Schöneres, als am Ufer zu sitzen und zu angeln. Das sagt Boris Alekseevic Trigorin, berühmter Schriftsteller in Anton Tschechows Theaterstück „Die Möwe“. Doch, könnte hier Manfred Wakolbinger einhaken, es gibt sehr wohl etwas Schöneres: im Meer tauchen. Den Schwebezustand genießen. Eine geheimnisvolle Welt entdecken. Gerade hat der 60-jährige Oberösterreicher von seiner Leidenschaft wieder Zeugnis abgelegt, mit seinem Bildband Unter der Oberfläche. Der Bildhauer ist auch als Unterwasserfotograf tätig, und in seiner jüngsten Veröffentlichung versammelt er all die exotischen Meeresbewohner, die er vor die Linse bekommen hat.

Der Mensch geht aufrecht durch das Leben. Im Wasser wird diese Regel buchstäblich auf den Kopf gestellt: Hier haben die Füße keinen Bodenkontakt mehr. Bald sticht der Taucher kopfüber in die Tiefe, bald dreht er sich auf den Rücken. Der Sprung ins Wasser ist für ihn ein Wegtauchen aus dem Alltag, in eines der letzten Abenteuer, das mit Risiken lockt und mit überwältigenden Erlebnissen belohnt.

Zum besonderen Körpererlebnis kommt das besondere Seherlebnis, vor allem in exotischen Gewässern: Hat der Taucher Glück, begegnet er den buntesten und bizarrsten Meeresbewohnern, jener Spezies, die bereits die Ozeane bevölkerte, bevor das erste Tier auf dem Land Fuß fasste. Doch „Glück“ ist hier das falsche Wort. Nur erfahrene Taucher wie Wakolbinger wissen, wo und wann sie ins Wasser gehen müssen, um außergewöhnliche Begegnungen dieser Art zu erleben. Wer bloß darauf wartet, dass just da, wo er sich gerade aufhält, im nächsten Moment ein bunter Fisch vorbeischwimmt, wird dagegen eher leer ausgehen. Korallen können noch so pittoresk, wenn man nicht weiß, wo man sie findet, nützt das alles nichts.

Viele Worte wären notwendig, um die wunderbare Unterwasserwelt zu beschreiben. Und dann könnte sich der Zuhörer wohl immer noch kein richtiges Bild von ihr machen. Doch diese Anstrengung ist auch gar nicht nötig – dank der Fotografie. Die Aufnahmen zeigen, was Sache ist, sie führen uns ein buntes, skurriles, immer wieder aufs Neue überraschende Sammelsurium von Sehenswürdigkeiten vor Augen. Hier bewahrheitet sich mal wieder das Wort, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte.

Die Fotos in dem Band sind fast ausschließlich Großaufnahmen, es fehlen Übersichtsaufnahmen. Der Grund ist einfach: Wasser ist ein sehr viel dichteres Medium als Luft, mit vielen Schwebeteilchen, und das erlaubt keine Aufnahmen von weiter entfernten Objekten. Unterwasserfotografie ist gezwungenermaßen auf den Nahbereich beschränkt.

Der erfolgreiche Unterwasserfotograf ist erstens ein guter Taucher und zweitens ein guter Fotograf. Denn ein lieblos ins Bild gesetzter Fisch vermag bestenfalls Zoologen zu entzücken, sofern es sich um ein seltenes Exemplar handelt, für den Rest dürfte es nicht mehr sein als ein Fisch, basta. Das Objekt gehört entsprechend ins Bild gesetzt. Bei mangelhafter Gestaltung gerät es schnell zur Durchschnittsware, die nicht berührt.

Und eine dritte Eigenschaft kommt noch hinzu: Der erfolgreiche Unterwasserfotograf kennt bestens die Meeresbewohner. Viele Fische und andere Lebewesen sind ausgesprochen scheu und quittieren hastiges und unsachgemäßes Vorgehen mit Flucht oder gar mit Aggression. Andere wiederum bleiben tagsüber unsichtbar und werden erst bei Nacht aktiv. Informiertsein heißt das Erfolgsrezept, auch bei Wakolbinger, der zu seinen Fotos erläuternde Texte mitliefert: Wissen, wer die Tiere und Pflanzen sind, die der Taucher vor der Kamera hat. Orientiert sein, wie sie nicht nur auf ihre natürliche Umwelt reagieren, sondern auch auf ein Eindringen in ihre Welt. Und erkennen, wann sie sich von ihrer schönsten Seite zeigen, wie sie gedeihen, sich vermehren und zur Beute anderer werden, denn letztlich sind es auch bei Unterwasseraufnahmen die dramatischen Höhepunkte des Werdens und Vergehens, denen der Bildbetrachter das größte Interesse entgegenbringt.

Das Buch zeigt eine bunte und glitzernde Welt. Doch der einfache Schnorchler sei gewarnt: Die Unterwasserwelt ist nicht a priori paradiesisch und ein Schlaraffenland der Bilderbuchmotive. Ihre bezaubernden und überraschenden Seiten müssen gesucht und entdeckt werden.

Von W. Müller , Ärzte Woche 23 /2012

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