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Foto: Mag. Wenzel Müller
Ein schönes Haus im Grünen – die feine Wiener Gesellschaft pflegte vor hundert Jahren auf „Sommerfrische“ zu fahren.
 
Leben 26. Mai 2009

Auf der Suche nach dem Besonderen, aber nicht Ungewöhnlichen

Sommerfrische: Pause vom normalen Alltag.

Reichenau, Attersee, Semmering – alles Orte, die vor hundert Jahren noch geradewegs überlaufen waren und deren Glanz inzwischen verloschen ist. Der Grund: Die feine Wiener Gesellschaft fährt nicht mehr auf „Sommerfrische“. Nun ist der Band „Wohnen im Sommer“ erschienen, der an diese untergegangene Zeit erinnert.

 

Heute heißen die Urlaubsziele Antalya, Krk oder Pukhet. Vor gar nicht so langer Zeit hießen sie noch Reichenau, Gars oder Semmering, jedenfalls für die wohlhabende und adelige Wiener Gesellschaft. Kam der Sommer und wurde es heiß in der Stadt, kehrte sie der Hauptstadt den Rücken und zog sich aufs Land zurück. Genaugenommen waren es vor allem Frauen und Kinder, die auf „Sommerfrische“ fuhren, oft sogar für zwei Monate, der Herr des Hauses kam, da er die Woche über weiterhin seiner Arbeit in der Stadt nachgehen musste, in der Regel am Wochenende nach, auf einen Kurzbesuch. Eine entsprechende Infrastruktur machte das möglich: Zwischen dem Semmering und Wien verkehrte der sogenannte Hofratszug, er fuhr am Montagmorgen früh genug am Semmering los, damit die Herrschaft rechtzeitig um 9 Uhr im Ministerium sein konnte.

Diese Zeit hat insbesondere Arthur Schnitzler in seinen Theaterstücken festgehalten. Nun ist der Band „Wohnen im Sommer“ erschienen, der an diese untergegangene Zeit erinnert. Es werden jene Destinationen wie der Thalhof in Reichenau, das Looshaus in Payerbach oder der Attersee vorgestellt, die einmal sehr beliebt und geradewegs überlaufen waren und deren Glanzzeit nun vorüber ist. Im Jahr 1917 verzeichnete Gars am Kamp 77.000 Nächtigungen, eine Zahl, die wohl nie wieder erreicht werden wird. Die Flucht auf das Land muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass in jener Zeit, Anfang des vorigen Jahrhunderts, die industrielle Produktion in Schwung kam, mit rauchenden Schloten – und entsprechend schlechter Luft in der Stadt. Das normale Leben erlebte eine Beschleunigung – die tägliche Arbeitszeit in einer Manufaktur betrug 13 Stunden. Eine typische Krankheit dieser Zeit war die Neurasthenie: Die Menschen machten schlapp, waren müde und ausgebrannt, weil sie sich an der lodernden Welt um sie herum entzündet hatten.

Alltägliches gegen Mögliches

Wer es sich leisten konnte, floh also aufs Land, in eine entschleunigte Welt. Er tauschte, wie Elke Krasny in dem Buch schreibt, Hitze gegen Kühle, Alltägliches gegen Mögliches, Häusermeer gegen Grünblick und Arbeitszeit gegen Erholungsaufenthalt. Dazu muss man wissen: 1885 wurde der Sonntag arbeitsfrei und 1919 der Samstagnachmittag.

Die Sommerfrische von damals ist kaum mit dem heute üblichen Urlaub zu vergleichen, denn die Sommerfrischler suchten, wie es in dem Buch Wolfgang Kos, Direktor des WienMuseums, ausdrückt, „das Besondere, aber nicht das Ungewöhnliche“. Die Orte, die sie aufsuchten, waren ihnen wohl vertraut, auch schnell zu erreichen, da gab es nichts zu entdecken. Und mehr noch: In der Sommerzeit war die feine Wiener Gesellschaft in diesen Orten unter sich. Man traf sich im Kaffeehaus und machte gemeinsame Spaziergänge, auf Wegen, die nicht zu anstrengend waren und die auch ausreichend Sitzmöglichkeiten boten.

Die Sommerfrische unterschied sich auch insofern von einer Kur, als jene, so Kos, eine Begründung hat, sachlich motiviert ist. Die Sommerfrische dagegen wurde nicht vom Arzt verordnet. Man traf selbst die Entscheidung – für eine Pause vom normalen Alltag.

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 20 /2009

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