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Quelle: wikipedia.de
Das bekannteste Findelkind der Welt: Kaspar Hauser (1812–1833). Pädagogen und Mediziner gaben sich alle Mühe, ihn zu einem lebenstüchtigen Menschen heranzubilden.
 
Leben 30. Mai 2012

Fünfeinhalb Jahre unter Menschen

Vor 200 Jahren wurde Kaspar Hauser geboren.

„Unbekannt seine Geburt – Geheimnisvoll sein Tod“, so steht es auf seinem Grabstein. Kaspar Hauser, 1833 gestorben, ist das berühmteste Findelkind der Welt. Bis heute gibt es Rätsel auf, und bis heute hat es nichts von seiner Faszinationskraft eingebüßt.

 

Wie wenn er vom Himmel gefallen wäre. Plötzlich stand er da, in den Gassen von Nürnberg, der junge Mann, der gleichsam aus dem Nichts kam. Kaspar Hauser sollte er fortan genannt werden sollte, nach dem Namen, den er selbst auf einen Zettel geschrieben, besser: gekritzelt hatte. Das war am Pfingstmontag 1828, kurze Zeit nachdem die Stadt den 300. Todestag einer ihrer bekanntesten Söhne, des Malers Albrecht Dürer, gefeiert hatte.

Niemand wusste, woher der Fremde kam, am wenigsten er selber. Wie einem Schreiben, das er bei sich führte, entnommen werden konnte, war er 16 Jahre alt, doch auf dem Entwicklungsstand eines dreijährigen Kindes. Er ruderte seltsam mit den Armen, und wie er einen Fuß vor den anderen setzte, so machte das kein Mensch, jedenfalls kein gesunder. Die Haut an seinen Fußsohlen war außergewöhnlich zart. Ein Mensch wie aus einer anderen Welt. Und dazu völlig verdreckt.

Stoff voller Rätsel

Vor 200 Jahren wurde es geboren, das bekannteste Findelkind der Welt. Heute steht Kaspar Hauser für viel mehr: für einen unaufgeklärten Kriminalfall, für Forschungen am lebendigen Menschen, für einen Stoff voller Rätsel und Mythen, der nicht zuletzt Dichter und andere Künstler inspirierte.

Was macht man mit einem Fremden? Man sperrt ihn ein. So taten es jedenfalls zunächst die Nürnberger, doch sie verfügten auch, dass Kaspar Hauser nicht zu den Schwerkriminellen kam. Denn das hatten sie sehr schnell erkannt: Das war nicht einer von den gewöhnlichen Landstreichern und üblen Gesellen, die man sich lieber vom Hals hielt. Das war ein Sonderling, ja, ein interessanter Fall, darauf wies schon sein Begleitschreiben hin. Darin stand, versehen mit einem schönen Siegel, dass er Rittmeister werden wolle, wie auch sein Vater einer gewesen sei. Und auch dies machte Eindruck: Kaspar Hauser wies eine Pockenschutznarbe auf. Diese Impfung war 1807 in Bayern eingeführt worden, da kostenpflichtig, war sie aber mehr oder weniger Menschen aus gutem Haus vorbehalten.

Wir wüssten heute nichts von dem Fall, wäre Kaspar Hauser wie so viele Fremde einfach verdammt worden. Er hatte jedoch Glück: Kein Geringerer als der Bürgermeister von Nürnberg nahm sich seiner an. Und später sollte er in die Obhut der bedeutendsten Lehrer im Ort kommen.

Pädagogen und Mediziner sahen in Kasper Hauser nicht zuletzt ein interessantes Studienobjekt: Dieses Wesen wollten sie zu einem lebensfähigen Menschen heranbilden. Als sie es kennenlernten, war es nicht einmal in der Lage, sich sprachlich mitzuteilen. Kaspar Hauser mochte nichts anderes zu sich nehmen als Wasser und Brot – Bier und Fleisch erbrach er. Und schließlich kannte er nicht den Unterschied zwischen Mensch und Tier.

Kaspar Hauser musste sein bisheriges Leben in einem Kerker verbracht haben, zu dieser Überzeugung gelangten die Menschen, die sich näher mit ihm befassten. In seiner Gefangenschaft hatte er wohl ein Holzpferd als Spielzeug, vermuteten sie weiters, denn er legte ein überaus inniges Verhältnis zum „Ross“ an den Tag, wie er das Pferd, aber auch alle anderen Tiere zu nennen pflegte.

Ein Mensch von unendlicher Sanftmut und Gutmütigkeit, so empfand ihn seine Umgebung. Natürlich war er das große Gesprächsthema in Nürnberg, und nicht nur in Nürnberg. Sehr schnell verbreitete sich die Geschichte von dem sonderbaren Findling in den deutschen Landen, in Frankreich, ja, sogar in Amerika. Bessere Herrschaften auf der Durchreise drängten darauf, einen Blick auf Kaspar Hauser werfen zu können.

Der Fremde lernte Schreiben und Rechnen, Sprechen und Zeichnen. Das Licht, schon einfaches Tageslicht, blendete ihn, und ohne Augenschutz konnte er nicht ins Freie treten. Und die vielen Gerüche und Geschmacksempfindungen, denen er unweigerlich Tag für Tag ausgesetzt war, sie stellten für ihn eine wahre Marter dar, weil eine permanente Überreizung.

Wie eine Zirkusattraktion

Es blieb nicht aus, dass sich auch Stimmen erhoben, die in Kaspar Hauser einen gefinkelten Betrüger und Scharlatan sahen. Seinem Ruhm tat das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Der Fremde war schlechthin die Attraktion bei gesellschaftlichen Ereignissen. Dazu trug bei, dass er aufgrund einer besonders ausgeprägten Sensibilität unterschiedliche Metalle ungesehen identifizieren konnte. Nicht selten stand er also im Mittelpunkt, wie eine Zirkusattraktion, und die besonneneren Menschen erkannten, dass das für ihn und seine weitere Entwicklung nicht unbedingt gut war.

Woher kam Kaspar Hauser? Wer waren seine Eltern? Wer hatte sich dieses „Verbrechens am Seelenleben eines Menschen“ schuldig gemacht? Der Fall beschäftigte die Ermittlungsbehörden, namentlich den Appellationsgerichtspräsidenten Anselm Ritter von Feuerbach – und auch später noch viele Forscher, die allerdings bis heute zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen konnten. Statt Gewissheit viele Rätsel und Mythen. Eine Theorie besagt auch, dass Kaspar Hauser der badische Erbprinz sei, der als erstgeborener Sohn des Großherzogs Karl gegen ein sterbendes Kind ausgetauscht und um den Thron betrogen worden sei.

Am 14. Dezember 1833 wurde Kaspar Hauser Opfer eines Anschlags, und drei Tage später starb er an den Folgen der Stichverletzung. Oder war der Anschlag nur fingiert? Auch so ein Rätsel. Auf seinem Grabstein steht: „Hier liegt Kaspar Hauser – Rätsel seiner Zeit – Unbekannt seine Geburt – Geheimnisvoll sein Tod“. Fünfeinhalb Jahre lebte er unter Menschen.

Berauschung durch Weinbeeren
Genuss von Weinbeeren und frischem Weinbeersaft erregte Hausers Zustände der Erhöhung, Erhitzung und Trunkenheit bis zu dem Grade, dass er einen Rausch ausschlafen musste. Nachdem er schon einmal eine Weinbeere gekostet und ich die Wirkung derselben gesehen hatte, untersagte ich ihm vorderhand, Weintrauben zu essen, lüstern jedoch kostete er einmal September 1828 ein paar Tropfen aus Weinbeeren frisch gequollenen Saftes und stellte hierauf das vollkommene Bild eines Betrunkenen dar. Er ging schwankend, sprach mit schwerer Zunge und lachte beständig, indem er die Köstlichkeit des Saftes rühmte.“
Aus: Georg Fr. Daumer (Hausers ehemaliger Pflegevater): Mitteilungen über Kaspar Hauser

Von W. Müller , Ärzte Woche 22 /2012

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