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Foto: Wenzel Müller
Das Nähzimmer im Stift Klosterneuburg: Anica Prskalo (li) und Kerstin Kuse (re) bei der Arbeit.

Die letzte Flucht Wolfgang Schorlau 351 Seiten, € 9,10 Kiepenheuer & Witsch, 2011 ISBN 978-3462042795 Wolfgang Schorlau ist Krimiautor. Ihm geht es allerdings nicht nur um Spannung, sondern auch um Aufklärung. In seinem jüngsten Werk, Die Letzte Flucht, nimmt er sich unser Gesundheitssystem vor. Dazu hat er genaue Recherchen angestellt, mit Ärzten und den höchsten Spitzen aus der Pharmabranche gesprochen. Sein Ergebnis ist nicht sehr erfreulich: Er zeigt ein System, wo Lug und Trug an der Tagesordnung sind, wo es weniger um Heilung als um Gewinnmaximierung geht. Zu befürchten ist, dass Schorlaus Bild mehr der Wirklichkeit entspricht, als uns lieb sein kann.

 
Leben 16. Mai 2012

Gelebte Mitmenschlichkeit

Blick hinter die Mauern des Stifts Klosterneuburg.

Das Stift Klosterneuburg ist ein Touristenmagnet, bekannt für seine barocke Pracht. Hier führen die Augustiner Chorherren nicht nur ein Leben in Abgeschiedenheit, sie gehen auch hinaus, engagieren sich für Kranke und Bedürftige. Was auch wenig bekannt ist: Das Stift ist ein bedeutender Arbeitgeber in der Region ist. Hier arbeiten Gärtner, Schlosser, Tischler – und auch Näherinnen.

 

Ein langes weißes Band. Kerstin Kusen sprengt es nach alter Sitte mit Wäschestärke ein, bevor sie mit dem Bügeleisen darübergeht. Viel Aufwand für ein Stück Leinen. Aber es ist ja auch nicht irgendein Band, es ist das Sarrozium, das Erkennungszeichen der Augustiner Chorherren. Die Geistlichen des Stifts Klosterneuburg tragen es um den Hals. Eine Tradition, die seit altersher besteht, also genaugenommen seit fast 900 Jahren, seit der Markgraf Leopold III dieses Kloster vor den Toren Wiens stiftete.

Schatzkammer

Erst im Mai letzten Jahres ist die Schatzkammer des Stifts eröffnet worden, die unter anderem den Erzherzogshut, die „heilige Krone“ Österreichs, beherbergt. Das Haus ist damit um eine Attraktion reicher geworden. Für Kerstin Kusen und ihre Kollegin Anica Prskalo bedeutete dies, dass sie ihren angestammten Arbeitsplatz aufgeben mussten. Wo Besucher jetzt die Pretiosen des Stifts bewundern können, hatten die beiden Näherinnen noch vor kurzem ihre Arbeit verrichtet. Nun sind sie umgezogen, nur einige Zimmer weiter im selben Stock, doch so weit weg, dass sie außer Sicht- und Reichweite des normalen Ausstellungsbesuchers sind.

Das Nähzimmer besteht genau genommen aus zwei Zimmern. Durch große Kastenfenster fällt viel Tageslicht hinein. An der Wand hängt ein Kreuz, vor dem Fenster liegt der Konventgarten. Es ist eine Welt für sich.

Kusen arbeitet bereits seit 15 Jahren im Stift. Gelernt hat sie Zuckerbäckerin, doch nach einem Unfall musste sie diesen Beruf aufgeben. So wurde sie Näherin und kam in das Stift. Die eine Woche ist für Kusen und Prskalo ausgefüllt mit Zusammenlegen und Sortieren der frisch gewaschenen Wäsche der Chorherren, die andere mit allfälligen Näh- und Ausbesserungsarbeiten. Ist ein Knopf abgegangen? Weist ein Hemd einen Riss auf? Müssen Stickereien ausgebessert werden?

Zwischen 18 und 80

In dem Stift sind etwa 50 Chorherren zu Hause, die einen 18, die anderen 80 Jahre alt. Die einen Novizen, die anderen Priester. Die Augustiner Chorherren sind entgegen einer weit verbreiteten Ansicht keine Mönche. Während die ein Leben in kontemplativer Zurückgezogenheit führen, zieht es die Chorherren in die Welt hinaus, wo sie vor allem seelsorgerisch tätig sind. Dieser Priesterorden, der älteste der Welt, ist bekannt für sein soziales Engagement. Er unterstützt die Straßenkinder von Bukarest und hätte der Augustiner Chorherr Rudolf Franz Eichhorn Ende des 19. Jahrhunderts nicht in seiner Schrift Die weißen Sklaven der Wiener Tramway-Gesellschaft Missstände aufgezeigt, die Wiener Verkehrsbetriebe wären wohl heute noch in privater Hand.

Alle Menschen werden Brüder. Das ist im Stift kein Schlachtruf, sondern gelebte Wirklichkeit. In gewisser Weise passt dazu das Einheitsgewand der Chorherren: weißes Hemd mit Kollarstreifen, darüber der schwarze Talar, zusammengehalten von einem Gürtel, dem sogenannten Zingulum. Wer nach vierjährigem Studium sich endgültig für ein Leben im Stift entscheidet und die „ewige Profess“ ablegt, trägt über dem Talar ein Rochett, einen weißen Überwurf mit Spitzen.

Für die Angestellten im Stift gilt keine Kleidungsvorschrift. Nicht einmal ein Glaubensbekenntnis ist erforderlich. Ob Inländer oder zugewandert, ob katholisch oder konfessionslos – das ist ohne Belang. Anica Prskalo kam als Flüchtling nach Österreich. Ihr Mann war im Jugoslawien-Krieg umgebracht worden. Plötzlich stand sie mit zwei Kindern allein da, mit 30 Jahren schon Witwe. In ihrer Heimat, in Bosnien, wollte sie nicht bleiben, also ging sie nach Österreich, in ein Land, dessen Sprache sie nicht beherrschte. Sie hatte Glück, denn sie kam zu einer Gastfamilie, die ihr dabei half, Deutsch zu lernen. Und im Stift fand sie Arbeit, zunächst als Bedienerin, nun im Nähzimmer. Das Stift predigt nicht nur Mitmenschlichkeit, es lebt sie auch.

Von W. Müller, Ärzte Woche 20 /2012

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