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Leben 9. Mai 2012

Monarchen auf Zeit

Der aktuelle Machtwechsel im Pariser Élysée-Palast hat ähnlich massive Auswirkungen auf die Untertanen, wie ein Führungswechsel an der Krankenhausspitze.

Der Machtwechsel in Frankreich, die Ablöse des Präsidenten Sarkozy durch Hollande wirft die Frage auf, ob sich nun wirklich alles ändert, oder lediglich ein „Monarch auf Zeit“ durch einen anderen ersetzt wurde. Doch ein Wechsel an der Spitze bedeutet mehr, als das Austauschen von Fotografien in Klassenzimmern und Amtsstuben. Es weht auch in den unteren Etagen ein anderer Wind.

Analog bringt der Führungswech-sel in einem Krankenhaus Änderungen mit sich, die nicht immer angenehm sind. Obwohl man annehmen müsste, dass Leitlinien unter Prof. Dr. Meier genauso umgesetzt werden, wie unter Prof. Dr. Huber, existieren spezielle Meier-Guidelines und Huber-Empfehlungen, die die internationalen Richtlinien zumeist entkräften.

Und ähnlich dem Präsidentenamt in Frankreich stellt auch ein Klinikvorstand einen Monarchen auf Zeit dar. Zumal dieser von den Untertanen im Krankenhaus nicht gewählt wird, sondern diesen in der Regel von Gottes Gnaden vor die Nase gesetzt wird. Je nach Posten hat ein Abteilungsleiter nun das Amt in regelmäßigen Abständen zu verteidigen, was ein gehöriges Maß an Intrigen mit sich bringt. Oder die Bestellung erfolgt quasi auf Lebenszeit, so der Inhaber der Stelle keine golde-nen Skalpelle stiehlt, Kanzlermord begeht oder ein Sympathisant von Impfgegnern ist.

Patienten bemerken in der Regel nur wenig von einem Führungswechsel, da sie die Vorstände ohnehin höchstens bei der Chefvisite zu Gesicht bekommen. Dann dürfen sie mit einem bunten Fähnchen winken und vor Erregung kollabieren, wenn der HADÄ (höchste aller denkbaren Ärzte) ihnen die Hand reicht.

Die fachliche Qualifikation des Chefs hängt zudem nicht unbedingt mit dem Therapieerfolg zusammen, behandelt wird schließlich eher von den NADÄs (den niedrigsten aller denkbaren Ärzte). Und die wechseln nicht mit den Monarchen.

Für das Personal ändert sich mit neuer Klinikleitung jedoch oft alles. Zumal diese gerne, um das neue Revier zu markieren, die Spuren des Vorgängers verwischt und völlig neue Markierungen erzeugt: Da wird etwa die Morgenbesprechung völlig umstrukturiert – gerade für ältere Kollegen, die gewohnt sind, täglich auf demselben Stuhl zu dösen, eine kaum zu bewerkstelligende Aufgabe. Da werden seit Jahrtausenden gepflegte Routinemaßnahmen, wie das stündliche Fiebermessen oder der Einlauf nach einem halben Tag Stuhlverhalt, in Frage gestellt – gerade für ältere Krankenschwestern ein Sakrileg. Und manchmal wird auch gefordert, einfach netter zu den Patienten zu sein – und das bedeutet für viele die größte Umstellung.

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