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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 9. Mai 2012

Nachgefragt - Hermeneutik

Herr Professor, wie unterscheidet sich die Hermeneutik von der Naturwissenschaft?

Ich erinnere mich an eine Sitzung von Natur- und Geisteswissenschaftlern, bei der es um die Vergabe von Stipendien ging. Die Kollegen aus der Geisteswissenschaft trugen ihre Gutachten vor, und danach sagte ein Kollege aus der Naturwissenschaft: „Es ist so furchtbar schwer, geisteswissenschaftliche Anträge zu beurteilen, weil man ja nicht einmal weiß, ob die reproduzierbar sind.“ In diesem Augenblick ist mir der Unterschied sehr klar geworden: Naturwissenschaftliche Ergebnisse sind vernünftig, wenn sie reproduzierbar sind. Geisteswissenschaftliche Arbeiten sind dagegen vernünftig, wenn sie nachvollziehbar sind – das ist etwas grundlegend Anderes. Reproduzierbarkeit bedeutet eine Reduktion auf die Quantitäten, während sich die Nachvollziehbarkeit auf die Qualitäten bezieht. Die Hermeneutik ist ja die Kunst der Interpretation. Naturwissenschaftliche Ergebnisse müssen nicht groß interpretiert werden, da sie in Zahlen angegeben werden. Der Vorwurf ist manchen Naturwissenschaftlern zu machen, dass sie den grundlegenden Unterschied übersehen und dazu neigen, die Geisteswissenschaft als etwas Fremdes, wenn nicht sogar Minderwertiges zu betrachten.

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