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Fotos (4): aus dem besprochenen Buch

Die Kunst des klaren Denkens Rolf Dobelli 244 Seiten, € 15,40 Carl Hanser Verlag München, 2011 ISBN 3446426825

 
Leben 13. Mai 2012

Systematische Fehlschlüsse in Beruf und Alltag

Rolf Dobelli: „Die Kunst der klaren Denkens“.

Er ist Unternehmer und Schriftsteller, schon diese ungewöhnliche Kombination macht Rolf Dobelli interessant. 1966 in der Schweiz geboren, lebte er zeitweise in Hongkong, Australien, England und den USA. Er erhielt Einblick in unterschiedliche Kulturen und lernte dabei, was offensichtlich allen Menschen eigen ist: Sie neigen zu den gleichen systematischen Denkfehlern. Warum? Dobelli führt als Grund an, dass unser Hirn für ein Leben als Jäger und Sammler optimiert ist, wir nun allerdings – gemessen an der Menschheitsgeschichte erst seit kurzer Zeit – in einer radikal anderen Welt leben. So sei etwa früher rasches Handeln mitunter überlebenswichtig gewesen, und diese Programmierung stecke offensichtlich noch in uns, fatalerweise, denn inzwischen sei Innehalten und genaues Überlegen oft sehr viel angebrachter. Dobelli hat irgendwann angefangen, des Menschen typische Denkfehler zu sammeln. Sein Kompendium ist nun im Hanser Verlag erschienen, in dem Buch Die Kunst des klaren Denkens. Wir zitieren im Folgenden auszugsweise aus einzelnen Kapiteln und übernehmen aus dem Buch auch die Illustrationen von Birgit Lang.

The Self-Serving Bias

Warum Sie nie selber schuld sind

Lesen Sie Geschäftsberichte – insbesondere die Kommentare der CEOs? Nein? Schade, denn dort blühen Beispiele eines Irrtums, dem wir alle in der einen oder anderen Form verfallen sind. Der Denkfehler geht so: Hat die Firma ein ausgezeichnetes Jahr hinter sich, begründet es der CEO mit glänzenden Entscheidungen, seinem unermüdlichen Einsatz und der dynamischen Unternehmungskultur, die er in Schwung hält. Hat die Firma hingegen ein schlechtes Jahr hinter sich, so ist der starke Euro schuld, die Bundesregierung, die hinterlistigen Handelspraktiken der Chinesen, die versteckten Zölle der Amerikaner, überhaupt die verhaltene Konsumentenstimmung. Erfolge schreibt man sich selbst zu, Misserfolge externen Faktoren. Das ist der Self-Serving Bias (auf Deutsch etwa: selbstverdienliche Beurteilung). (...)

Wie Sie dem Self-Serving Bias entgegentreten? Haben Sie Freunde, die Ihnen ungeschminkt die Wahrheit sagen? Wenn ja, können Sie sich glücklich schätzen. Wenn nicht, haben Sie wenigstens einen persönlichen Feind? Gut. Dann springen Sie über Ihren Schatten und laden Sie ihn zum Kaffee ein. Bitten Sie ihn, seine Meinung zu Ihrer Person unverhohlen auszubreiten. Sie werden ihm ewig dankbar sein.

Die Prognoseillusion

Wie die Kristallkugel Ihren Blick verzerrt

Täglich bombardieren uns Experten mit ihren Prognosen. Wie verlässlich sind sie? Bis vor wenigen Jahren hat sich niemand die Mühe gemacht, ihre Qualität zu überprüfen. Dann kam Philip Tetlock.

Der Berkeley-Professor wertete 82.361 Vorhersagen von insgesamt 284 Experten über einen Zeitraum von zehn Jahren aus. Das Resultat: Die Prognosen trafen kaum häufiger zu, als wenn man einen Zufallsgenerator befragt hätte. (...)

Das Problem: Experten bezahlen für falsche Prognosen keinen Preis – weder in Geld noch über den Verlust des guten Rufs. Anders ausgedrückt: Als Gesellschaft geben wir diesen Leuten eine Gratisoption. Es gibt kein „Downside“ beim Verfehlen der Prognose, aber ein „Upside“ an Aufmerksamkeit, Beratungsmandaten und Publikationsmöglichkeiten, falls die Prognose stimmt. (...)

Fazit: Seien Sie Prognosen gegenüber kritisch. Ich habe mir dazu einen Reflex antrainiert – ich schmunzle zuerst mal über jede Vorhersage, egal wie düster sie sein mag. Damit nehme ich ihr die Wichtigkeit.

Die falsche Kausalität

Warum Sie nicht an den Storch glauben sollten

Für die Bewohner der Hebriden, einer Inselkette im Norden Schottlands, gehörten Läuse im Haar zum Leben. Verließen die Läuse ihren Wirt, wurde er krank und bekam Fieber. Um das Fieber zu vertreiben, wurden kranken Menschen deshalb absichtlich Läuse ins Haar gesetzt. Der Erfolg gab den Hebridianern augenscheinlich recht: Sobald die Läuse sich wieder eingenistet hatten, ging es dem Patienten besser. (...)

Die Geschichte zeigt die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Die Läuse verlassen den Kranken, weil er Fieber hat – sie bekommen ganz einfach heiße Füße. Wenn das Fieber abgeklungen ist, kommen sie gerne wieder. (...)

Fazit: Zusammenhang ist nicht Kausalität. Schauen Sie genau hin. Manchmal verläuft der Pfeil des Einflusses just in die Gegenrichtung. Und manchmal gibt es überhaupt keinen Pfeil – wie bei den Störchen und den Babys.

Die Induktion

Wie Sie Leute um ihre Millionen bringen

Eine Gans wird gefüttert. Anfangs zögert das scheue Tier und denkt: „Warum füttern mich diese Menschen? Irgendetwas muss doch dahinter stecken.“ Wochen vergehen, doch jeden Tag kommt der Bauer vorbei und wirft ihr Getreidekörner vor die Füße. Ihre Skepsis lässt allmählich nach. Nach einigen Monaten ist sich die Gans ganz sicher: „Die Menschen sind mir zutiefst gutgesinnt.“ – eine Gewissheit, die sich jeden Tag aufs Neue bestätigt, ja festigt. Vollends überzeugt von der Güte des Bauern staunt sie, als sie dieser am Weihnachtstag aus ihrem Gehege holt – und schlachtet. Die Weihnachtsgans ist dem induktiven Denken zum Opfer gefallen. Schon David Hume hat im 18. Jahrhundert vor der Induktion gewarnt, mit ebendiesem Beispiel. Aber nicht nur Gänse sind anfällig dafür. Wir alle haben die Tendenz, aus Einzelbeobachtungen auf allgemeingültige Gewissheiten zu schließen. (...)

Induktives Denken kann verheerende Folgen haben – und doch geht es nicht ohne. Wir bauen darauf, dass die aerodynamischen Gesetze auch morgen funktionieren, wenn wir den Flieger besteigen. Wir rechnen damit, dass wir auf der Straße nicht grundlos niedergeprügelt werden. Wir rechnen damit, dass unser Herz auch morgen schlagen wird. Das sind Gewissheiten, ohne die wir nicht leben könnten. Wir brauchen die Induktion, aber wir dürfen nie vergessen, dass sämtliche Gewissheiten immer nur vorläufig sind. Wie sagte Benjamin Franklin? „Nichts ist sicher, außer der Tod und die Steuern.“

Von W. Müller, Ärzte Woche 19 /2012

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