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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 3. Mai 2012

Nachgefragt - Der "wissenschaftliche Beweis"

Herr Professor, in Sachdiskussionen wird gerne nach dem „wissenschaftlichen Beweis“ gefragt.

Wir haben uns in unserem Denkrahmen auf Aristoteles zurückgezogen, auf sein Entweder-Oder. Von anderen Kulturen werden wir Abendländer gerne als die „Entweder-Oder-Denker“ bezeichnet. Wir kennen keine Grautöne, nur schwarz und weiß. Entweder Wissenschaft oder Meinung. Man beobachtet das ja bei allen möglichen Fernsehdiskussionen: Wenn jemand etwas behauptet, sagt der andere gleich: Ist das bewiesen? Und wenn es nicht wissenschaftlich bewiesen ist, ist es bloß eine Meinung, und die zählt nicht. Das ist ein unglaublicher Verlust, wir verlieren damit in unserer Kultur das, was man einmal die Weisheit des Alters genannt hat, wozu Erkenntnisse zählen, die im Laufe eines langen Lebens gesammelt wurden.

Nun kommt noch eine weitere Kritik dazu: Weil wir in diesem Entweder-Oder stehen, meint man, man muss alles wissenschaftlich beweisen. Und was sich „wissenschaftlicher Beweis“ nennt, hält meist einer echten Kritik nicht stand. Ich schreibe in meinem Wissenschaftstheorielehrbuch: „Alles, was von einem genügend bedeutenden Theoretiker vorhergesagt wird, wird auch entdeckt werden, unabhängig davon, ob es existiert oder nicht.“ Das Kriterium für die Existenz eines Phänomens ist daher nicht die Entdeckung, sondern erst der Nachweis der Reproduzierbarkeit! Für einen „wissenschaftlichen Nachweis“ reicht es nicht aus, irgendeine Statistik zu machen oder einmal einen Doppelblindversuch durchzuführen, sondern das Ergebnis muss gerade von den schärfsten Gegner überprüft werden. Erst wenn die zugeben, ja, wir können das nicht widerlegen, hat das Ergebnis einen Sinn. Ich würde meinen, dass ein Großteil dessen, was man in Diskussionen, aber auch in der Medizin als „wissenschaftliche Erkenntnis“ verkauft, diesem Kriterium nicht gerecht wird und daher im Grunde keinen Aussagewert hat.

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