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Foto: Wolfgang Kerber privat
Die Leidenschaft von Wolfgang Kerber: Kajakfahren. Heute sitzt er wieder im Boot, er, der nach einem Unfall bei einem Wehr bereits klinisch tot war.
Foto: Andreas Tischler

Wolfgang Kerber, nach einem Lungenschock heute wieder wohlauf.

Aus dem Koma zurück an die Universität Kerber, W.; Zimpfer, M. 176 Seiten, € 22,90 Seifert Verlag, 2012 ISBN 978-3-902406-24-8

 
Leben 3. Mai 2012

„In der Medizin gibt es immer Ausnahmen“

Erfahrungsbericht: Aus dem Koma zurück an die Universität.

Wolfgang Kerber kentert bei einer Kajaktour. Als er geborgen wird, ist er bereits klinisch tot. Doch schon drei Monate später kehrt er an seinen Arbeitsplatz zurück. Kerbers Unfall und Überleben ist in einem neu erschienen Buch festgehalten.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ein Beweis dafür ist Wolfgang Kerber, jahrelang Leiter der Österreichischen Zentralbibliothek für Physik und heute im Ruhestand. Das Haar ist grau, der Körper durchtrainiert. Mit fester Stimme begrüßt er die Gäste.

Kein Wispern und auch kein Ringen nach Luft, was man bei einem Menschen erwarten dürfte, der einen Lungenschock erlitten hat. Kerbers Lunge war bereits so geschwächt und so geschädigt, dass ein Überleben nur noch mit maschineller Unterstützung möglich war. Und nun scheint es so, als sei nie etwas gewesen. Dabei war sogar mehr als der Lungenschock, Kerber war bereits klinisch tot.

Aus dem Koma zurück an die Universität, so lautet das Buch, das von Kerbers nachgerade wundervollem Überleben erzählt und an diesem Abend im Festsaal der Wiener Urania präsentiert wird. Keber steht vorne und hält einleitende Worte. Viele Menschen sind gekommen. Verwandte und Freunde von Kerber, aber auch Mediziner, die ihn teils direkt betreut haben.

Abenteurer aus Leidenschaft

Rauf auf die Berge, rein ins Wasser – Kerber, 1942 in Wien geboren, war immer begeisterter Sportler, und mehr noch: Abenteurer. Noch heute liebt er die Herausforderung, den Nervenkitzel. Am 13. März 1999 unternahm er mit einem Freund eine Kajaktour auf der Traisen, einem Nebenfluss der Donau im Süden Niederösterreichs. Sie kamen an ein Wehr – und was weiter passierte, daran hat Kerber keine Erinnerung. Folge des Unglücks, das sich nun ereignete: Kerber kentert, gerät unter Wasser, als er geborgen wird, hat er eine Kerntemperatur von 24 °Celsius, ist also klinisch tot. Der Notarzt aus dem nahe gelegenen Krankenhaus Lilienfeld trifft kurze Zeit später ein und kann den Verunglückten reanimieren.

Das Buch rekonstruiert die entscheidenden Momente, erzählt von Kerbers Unfall und Rettung. Die Hauptperson kann, da der sicherlich entscheidendste Moment seines Lebens aus seinem Gedächtnis gelöscht ist, nicht allzu viel dazu beitragen. Daher kommen vor allem Freunde, Familienmitglieder, Retter zu Wort, die unmittelbar involvierten Personen. Das Buch ist eine Collage aus unterschiedlichen Stimmen – und auch unterschiedlichen Formen. Tagebucheintragungen stehen etwa neben Zeitungsausschnitten.

Einen großen Teil des Buchs steuert Prof. Dr. Michael Zimpfer bei, der Kerber auf der Station 13C2 im AKH behandelt hat. Er schildert den Fall aus medizinischer Sicht. Nach der Behandlung von inzwischen mehr als 50.000 Intensivpatienten weiß er nur zu gut: „Die Intensivmedizin macht die Patienten nicht gesund, sondern sie kauft nur Zeit, damit der Patient kraft seiner Natur gesund werden kann.“ Und er sagt auch, was eiserne Verfechter einer evidenzbasierten Medizin nicht gerne hören werden: „In der Medizin gibt es immer Ausnahmen.“

Ärzte im Irrtum

Eine dieser Ausnahmen ist eben Kerber. Die Ärzte hatten ihm prophezeit, dass seine Lunge für alle Zeiten geschädigt sein würde. Irrtum! „Zwei Jahre nach dem Unfall ließ ich ein Lungenröntgen machen, und dabei kam heraus, dass meine Lunge im tadellosem Zustand war und sich nicht einmal mehr eine Verschattung zeigte“, schreibt Kerber.

Wieso hat er überlebt? Weil ein Notarzt schnell zur Stelle war. Weil Kerber über eine starke Konstitution verfügt. Weil der ärztliche Leiter im Krankenhaus Lilienfeld richtig handelte: Er erkannte, dass seine Möglichkeiten zur Rettung Kerbers nicht ausreichen, und ordnete daher eine Überstellung ins AKH Wien an. Und schließlich weil „ein Herrgott wohl meinte, dass meine Lebenszeit noch nicht abgelaufen ist“, wie Kerber an dem Abend in der Urania selbst sagte.

Zurück im Leben

Kerber steht wieder im Leben. Steigt wieder auf die Berge und setzt sich wieder ins Kajak, nur dass er das inzwischen mit größerer Vorsicht tut. Dabei hat, wer einmal dem Tod ins Gesicht geblickt hat, nun weniger Angst, diese Erfahrung macht zumindest Kerber: „Ganz sicher bin ich durch den Unfall in mancherlei Hinsicht mutiger, furchtloser geworden. Bei jeder Konfrontation, die ich erlebe, schwingt unterschwellig der Gedanke mit: So bedeutsam kann mein Gegenüber gar nicht sein, denn dem Tod entronnen wie ich ist er noch nicht.“

Von W. Müller , Ärzte Woche 18 /2012

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