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Foto: fotolia © Andre B
Im Kampf gegen zähe Ölverschmutzungen werden Chemikalien eingesetzt.
 
Leben 6. Mai 2012

Zwei Jahre nach der Explosion der Ölplattform

Die Helfer nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe klagen über Gesundheitsprobleme.

An der Golfküste sind kaum mehr Spuren von der Umweltkatastrophe zu sehen. Deren Folgen für die Gesundheit sind für manche dennoch unübersehbar. Die Helfer von damals kämpfen darum, dass ihre Leiden als solche anerkannt werden.

Sein Souvenir der Katastrophe hütet Jorey Danos in einem Marmeladenglas. Ein Totenkopf ziert das Glas, das eine braune dickflüssige Masse enthält. „Das ist Öl, das ich nach der Explosion der Deepwater Horizon-Plattform aus dem Golf gefischt habe“, berichtet der Amerikaner aus dem Südstaat Louisiana. Es sei sein persönliches Verhängnis geworden.

Zwei Jahre nach der schwersten Ölpest der US-Geschichte zeugen an der Golfküste äußerlich kaum noch Spuren von dem Unglück. Danos half dabei, sie zu beseitigen. Seitdem sei er chronisch krank, erklärt der Familienvater. Nun hofft er darauf, vom Entschädigungstopf zu profitieren, auf den sich der Ölkonzern BP und die Vertreter von rund 100.000 Klägern im März geeinigt haben. Am Mittwoch, den 18. April legten beide Parteien dem Richter in New Orleans Einzelheiten vor.

Vergiftung

„Mit 32 Jahren gehe ich am Stock“, sagt Danos. Er sitzt auf dem Sofa des Wohnwagens, den er sich mit Frau und drei Töchtern im sumpfigen Örtchen Chackbay teilt. Auf seinen dünnen Knien hält er den Laptop. Ein von seiner Frau gefilmtes Video zeigt ihn, wie er sich zitternd in Krämpfen auf dem Boden windet. „So fing es an - im vergangenen August“, erinnert er sich. Krampfanfälle, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Husten, Gewichtsverlust. 20 Kilo habe er in vier Wochen verloren. Die ärztliche Diagnose: Vergiftung.

Nach der Explosion der Bohrplattform am 20. April 2010, bei der elf Arbeiter ums Leben kamen, bedrohte die schwarze Pest rund 1.000 Kilometer US-Küste. Danos war einer von rund 48. 000 Helfern, die gegen das Öl kämpften.

Um den schwarzen Schmierfilm im Golf von Mexiko aufzulösen, wurde das Mittel Corexit eingesetzt. Der 32-jährige Helfer ist der Überzeugung, dass er bei den Reinigungsarbeiten mit gesundheitsgefährdenden Substanzen in Berührung kam.

Der britische Ölkonzern weist derartige Vorwürfe von sich „Die Kontrolldaten von Regierungs- und privaten Quellen sind ein überwältigender Beleg dafür, dass die Reinigungsarbeiter und Golfanrainer nicht Öl oder Lösungsmitteln ausgesetzt waren, deren Werte über den besorgniserregenden Grenzen lagen“, erklärte eine Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa. Nichtsdestotrotz habe der Konzern mit der jetzigen Einigung Kompensationszahlungen zugestimmt.

Laborergebnis wie aus dem Chemiebuch

Derweil zeigt Danos die Labor-Ergebnisse seiner Bluttests. Benzol, Ethylbenzol, Hexan - die Aufzählung der Stoffe liest sich wie ein Chemiebuch. „Das sind Chemikalien, deren organische Bestandteile auch in Corexit und Rohöl zu finden sind. Und sie fließen durch meinen Körper während wir miteinander sprechen.“

Nach Informationen von Juristen und Medizinern klagen inzwischen zahlreiche Helfer über gesundheitliche Folgen. „Meistens sind es Hautausschläge. Andere klagen über Kopfschmerz, Orientierungslosigkeit, Gedächtnisprobleme oder Erkrankungen der Atemwege“, so die Medizinerin Gina Solomon von der Universität Kalifornien, die die Folgen der Ölpest intensiv verfolgt.

88 Tage dauerte es, bis das Leck an der Macondo-Ölquelle in der Tiefe endlich geschlossen wurde. Da waren bereits rund 780 Millionen Liter Öl ausgeströmt. Küstenstreifen von fünf US-Staaten wurden verseucht, ihre Fischindustrie und Tourismus geschädigt. Danos bewegte sich damals auf einem Kutter gerade mal zwölf Kilometer vom speienden Bohrloch entfernt, um im Auftrag von BP das Öl mit Sperren einzudämmen. 300 Dollar am Tag - das sei ein verführerisches Vermögen für den Gelegenheitsarbeiter gewesen, meint er heute. Der Traum vom großen Geld habe ihn die Widrigkeiten ertragen lassen, vier Monate lang.

„Vier Mal sind wir da draußen im starken Wind von Flugzeugen mit Corexit besprüht worden“, sagt Danos. Die Schutzkleidung sei unzureichend gewesen. „Wir sollten etwa keine Atemmasken tragen, damit wir keine Aufmerksamkeit erregen.“ Das Lösungsmittel Corexit sei harmloser als Geschirrspülmittel, habe es geheißen. „Aber wie kann das sein, wenn meine Mutter ihr Leben lang Geschirr gespült hat, ohne die Hautausschläge zu bekommen, die sich sofort auf meinem Körper breit machten“, fragt er.

Entschädigung fraglich

Danos ging auf eigene Kosten in ärztliche Behandlung. Seitdem gehe es ihm zwar besser, aber er fühle sich schwach. Spastische Anfälle habe er nach wie vor. Der Familienvater verlor seinen Job in der Fabrik und damit auch die Krankenversicherung. Das Ersparte schmolz.

Auch die Einigung, nach der der Ölkonzern die Golf-Anwohner mit 7,8 Milliarden Dollar (etwa 5,9 Milliarden Euro) entschädigen will, tröstet Danos nicht. Von dem Vergleich, den BP und die Vertreter von 100.000 Klägern im vergangenen Monat erzielten, sollen wirtschaftlich und gesundheitlich geschädigte Opfer profitieren. Danos aber muss zunächst beweisen, dass die Ölpest Ursache für seinen Gesundheitszustand ist.

Der mit den Klägern befasste Jurist Blaine Lecesne von der Loyola-Universität in New Orleans sieht auf die gesundheitlich geschädigten Opfer der Ölpest einen harten Kampf mit BP zukommen. „Es ist extrem schwierig zu beweisen, dass die Berührung mit dem Öl der Grund für eine chronische Erkrankung ist“, meint der Schadensersatz-Experte. Danos ist dazu fest entschlossen: „Ich werde den Beweis erbringen“, schwört er. „Ich will den Leuten zeigen: Hier draußen lauert eine Gesundheitskrise.“

APA/dpa/A. Passenheim/
IS, Ärzte Woche 18 /2012

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