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Leben 24. April 2012

Unzulässige Ferndiagnosen

Ärzte aus dem Internet machen uns zunehmend unsere Patienten abspenstig. Dem muss entgegengesteuert werden.

Vor kurzem haben die Briten mit einer Website einen perfiden Anschlag auf das idyllische österreichische medizinische Dorf gestartet. Ein Arzt (Dr. Ed, liebevoll auch Dr. med. Ed) therapiert dabei von der fernen Insel aus die heimischen Patienten.

Der elektronische Onkel Doktor behandelt am liebsten erektile Dysfunktionen oder Geschlechtskrankheiten. Damit sollen jene Patienten erreicht werden, bei denen die Scham größer ist, als ein juckender Ausschlag im Genitalbereich und die sich den vorwurfsvollen Blick ihres Hausarztes ersparen wollen. Völlig anonym kann man vom Wohnzimmer aus die intimen Erkrankungen beichten und sich zur näheren Abklärung sogar vor der Webcam entblößen, so der Fern-Doktor die klassischen Worte „machen Sie sich frei“ mailt. Auch die Pille verschreibt der nette Engländer gerne und brüskiert damit die gynäkologische Elite des Landes.

All das sorgt für Unmut bei den heimischen Kollegen. Einerseits sei dies eine unzulässige Vereinfachung der Arzt-Patienten-Beziehung, bei denen durch den mangelnden persönlichen Kontakt naturgemäß keine richtige Diagnose gestellt werden könne; zum anderen ist das schlicht unfair. Denn während wir hierzulande in den ungemütlichen Ambulanzen auf unsere Patienten warten müssen, sitzt dieser britische Internet-Arzt während der Sprechstunde mit seinen Kollegen wahrscheinlich in einem englischen Pub, trinkt sein Guinness und spielt, während er mit der rechten Hand die Ratschläge in den Computer tippt, mit der linken Hand Polo.

Die eilig in die Ordinationen bestellten Rechtsanwälte der Alpenrepublik beißen sich die jacketgekrönten Zähne aus, da hier britisches Recht zu gelten scheint. Und das erlaubt solche Fernbehandlungen. Wobei man fairerweise darauf hinwei-sen muss, dass auch die heimischen Kollegen Diagnosen und Therapien aus der Ferne nicht zur Gänze ablehnen. Vor allem, wenn spätnachts ein unerfahrener Jungmediziner oder eine übereifrige Nachtschwester es wagen, eine oberärztliche Konsultation zu ordern. Da gibt es kaum ein Leiden, das nicht auch telefonisch im Halbschlaf behandelt werden kann.

Und zum Vorwurf, ohne persönliche Vorsprache beim Arzt könne kein Medikament verschrieben werden, sei gesagt, dass die Sprechstundenhilfe bereits lange vor dem Internet erfunden wurde. Über diese Institution werden heute noch medizinische Transaktionen durchgeführt, von denen selbst die abgebrühtesten Netz-Ärzte zurückschrecken würden.

Die große Aufregung wird sich also legen. Spätestens, wenn die Patienten dahinterkommen, dass ein zuversichtliches „alles wird gut“ über das Internet nicht so glaubwürdig daherkommt.

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