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Fotos (2): Hans Fromm www.hansfromm.de / www.stadtkinowien.at
 
Leben 24. April 2012

Frau unter Beobachtung

„Barbara“: Petzolds preisgekrönter Film nun in heimischen Kinos.

Die DDR pflegte mit ungehorsamen Bürgern nicht gerade zimperlich umzugehen. Das zeigt auch der neue Film „Barbara“ von Christian Petzold. In ihm geht es um eine Krankenhausärztin, die von der Charité in die Provinz strafversetzt wurde.

Was für ein vorbildliches System! Hier wird Menschlichkeit noch gelebt. Für die Krankenhausärzte ist der Patient mehr als eine Nummer oder eine bestimmte Krankheit. Sie nehmen sich Zeit für ihn, setzen sich zu ihm ans Bett und lesen ihm auf Wunsch gar eine Gutenacht-Geschichte vor.

Gehorsam ist gefragt

Doch was für ein unmenschliches System auch! Überall wird man bespitzelt, man darf um Gottes willen kein falsches Wort sagen. Gehorsam ist gefragt, Mitläufertum. Nur nicht den eigenen Kopf benutzen! Davon kann Barbara ein Lied singen, die Hauptperson in Christian Petzold neuem gleichnamigem Spielfilm. Von Beruf ist sie Ärztin. Da sie sich die Ungeheuerlichkeit geleistet hat, einen Ausreiseantrag zu stellen, ist sie von der renommierten Charité in Berlin in ein Krankenhaus auf dem Land strafversetzt worden, irgendwo in der Nähe der Ostsee.

Der Film spielt in der DDR, im Jahr 1980. Wir sehen knatternde Autos und Häuser, die unbedingt einer Renovierung bedürfen. Barbara fühlt sich hier nicht wohl, sie fühlt sich im ganzen Land nicht wohl. Und hat nur einen Wunsch: weg! Raus aus der DDR! Sie möchte sich nicht anpassen, sie behauptet ihre Unabhängigkeit, nicht mit vielen Worten, sondern allein damit, wie sie sich gibt. Gerade die Körperhaltung, verschränkt die Arme. Sie übt den aufrechten Gang. Auch mit ihren langen Wimpern und ihrem auffallenden Make-up betont sie ihre Individualität, in einem Staat, der nur das Kollektiv gelten lässt.

Preis für beste Regie

„Barbara“ ist ein großartiger Film der vielen Andeutungen, ausgezeichnet bei den diesjährigen Filmfestspielen in Berlin mit dem Silbernen Bären für die beste Regie. Einmal muss sich die Hauptdarstellerin einer Leibesvisitation durch den Geheimdienst unterziehen. Diese Leibesvisitation selbst wird nicht gezeigt, nur, wie die Offizierin sich Latexhandschuhe überzieht und mit einem Kopfnicken Barbara zu verstehen gibt, sich frei zu machen. Den Rest können wir uns denken – und mehr brauchen wir auch gar nicht zu sehen. Ein zweitklassiger Regisseur hätte es an dieser Stelle für notwendig befunden, Details der Demütigung zu zeigen. Petzolds szenische Lösung ist überlegter und auch intensiver.

Niemandem kannst du dich anvertrauen, denn jeder kann ein Spitzel sein. Und wenn es an der Tür klingelt, ist es mit Sicherheit der Geheimdienst. Barbara lebt in ständiger Spannung. Eine Spannung, die sich auf den Zuschauer überträgt, wie in einem Kriminalfilm.

Barbaras Chef André ist sehr nett, doch sie gibt sich alle Mühe, aufkeimende Zuneigung zu ihm zu unterdrücken. Sicherheitshalber bleibt sie auf Distanz, denn wer weiß, vielleicht arbeitet auch er für die Stasi. Nur ihren kleinen Patienten gegenüber kann die Ärztin offen sein und menschliche Gefühle zeigen. Und hier zeigt sich auch, dass sie Ärztin mit Leib und Seele ist. Dann ergibt sich eines Tages die Möglichkeit zur Flucht in den Westen... – doch das Ende des Films soll hier nicht verraten werden.

Das DDR-Krankenhaus
„Die DDR-Krankenhäuser hatten – anders als die im Westen – nicht diesen brutalen Druck. Es gab Bibliotheken, Lesekreise, Fußballmannschaften, Segelvereine. Es war ruhiger. Die Krankenschwestern, die uns beraten haben, hatten Tränen in den Augen, als sie sich an diese Zeit erinnerten. Man kriegt das Gefühl, dort hatte man Zeit, gesund zu werden. Bei uns ist es eher eine Fabrik.“
Aus: Regisseur Christian Petzold in einem Interview mit der taz.
Veranstaltungstipp:
Crossing Europe

Zum neunten Mal wird Linz vom 24. bis 29. April zur österreichischen Hauptstadt des Films. 146 Produktionen aus Europa werden zu sehen sein, 99 davon als Österreich-Premieren, 22 als Uraufführungen. Darunter viele Werke, die es nie in den üblichen Kinobetrieb schaffen werden. Also abseits des Mainstreams. Der heurige Tribute ist der rumänischen Filmkünstlerin Anca Damian gewidmet.

Informationen: www.crossingeurope.at

Von W. Müller , Ärzte Woche 17 /2012

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