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Fotos: Regal
Das Serotherapeutische Institut in der Triesterstraße in Wien Favoriten, gleich neben dem Kaiser-Franz-Joseph-Spital. Um 1900 wurden dort Seren gegen Diphtherie, Tetanus, Milzbrand und Meningokokken produziert.

Nasspräparat einer Lunge mit an Diphtherie erkrankten Atemwegen.

Prof. Dr. Richard Paltauf, Pathologe, stellte Diphtherie-Heilserum her.

 
Leben 24. April 2012

Das Serotherapeutische Institut

„Giftfabrik“ und Grundpfeiler der experimentellen Medizin an der Triesterstraße in Wien.

Wien 10. Bezirk, Triesterstraße 50. An dieser Adresse neben dem Kaiser-Franz-Joseph-Spital befand sich einst eine der größten „Giftfabriken“ Europas. Um 1900 produzierte hier das Serotherapeutische Institut neben 50.000 Dosen Diphtherieserum auch Tetanustoxin, Seren gegen Strepto-, Staphylo- und Meningokokken, Milzbrand und Rotlaufbakterien. Daneben stellte es diagnostische Seren gegen Thyphus, Cholera und ein Serum zum forensischen Nachweis von Blut her.

 

Ende des 19. Jahrhunderts tötete der „Würgeengel der Kinder“ – die Diphtherie – fast jedes zweite daran erkrankte Kind. Auf der 60. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte im Jahr 1894 in Wien berichtete Emil von Behring (1854–1917) über die sensationellen Erfolge seines von ihm entwickelten Heilserums. Mit diesem Diphtherie-Serum konnte erstmals die dramatische, auch „Krupp“ genannte Infektion der oberen Atemwege wirksam behandelt werden.

Bedeutung erkannt

Richard Paltauf (1858–1924), der Prosektor des Rudolf-Spitals in Wien, erkannte sofort die Bedeutung dieser bisher in Österreich nicht verwendeten Heilmethode. Es sei ein „Gebot nicht nur der Humanität, sondern der Staatshygiene diese therapeutische Maßnahme auch in Österreich einzuführen“, forderte Paltauf von den zuständigen Ministerien. Im Sommer 1894 hatte er bereits eine Impfanstalt gegen Tollwut eingerichtet und konnte nun dem Ministerium mehr oder weniger aus dem Stegreif Vorschläge für den Aufbau eines Instituts zur Gewinnung von Diphtherie-Heilserum machen. Trotz Geldmangels stellte das Kriegsministerium Paltauf im k.u.k. Tierärzteinstitut Pferde zur Herstellung von Serum zur Verfügung. Bereits am 3. Oktober 1894 begann er hier mit dem Immunisieren des ersten Pferdes. Das Pferd hieß Fanny.

Über die Erzeugung des „so wohltätig wirkenden Diphtherieserums“ berichtete der Volksschuldirektor Klemens Dorn im Heimatbuch des 10. Wiener Gemeindebezirkes: „Die Erzeugung beginnt damit, daß ein Pferd mit kleinen Dosen von Diphtheriegift gegen diese Krankheit immun gemacht wird. Dann wird dem Pferde durch eine Kanüle aus der Halsschlagader eine Menge von etwa sechs Liter Blut abgezogen und durch einen Schlauch in eine Flasche geleitet. Läßt man das Blut dann abstocken, so sondert sich oben eine klare Flüssigkeit aus, das Serum, das hierauf konzentriert, filtriert und auf seinen Heilstoffgehalt untersucht wird. Dann wird das Serum in winzige Glasphiolen gefüllt. Im ganzen werden (im Institut an der Triesterstraße, Anmerkung) etwa sechzig verschiedene Heilstoffe erzeugt, darunter die gegen Cholera, Milzbrand, Pest, Typhus, Starrkrampf usw. Gegen die Basedowsche Krankheit wird Serum von Ziegen gewonnen.“

Unterstützung für das Institut

Unterstützung für die Gründung einer staatlichen Anstalt zur Herstellung von Heilserum gegen Diphtherie bekam Paltauf von Hermann von Widerhofer (1832–1901). Der Vorstand des St. Anna Kinderspitals und erste Universitätsprofessor für Kinderheilkunde in Österreich trat bereits sehr früh für die Serumbehandlung bei Diphtherie ein. Widerhofer, der bedeutendste Pädiater der Monarchie, nützte seinen Einfluss als Leibarzt des Kaiserhauses und überzeugte auch die Politik von Paltaufs Projekt. Das Parlament bewilligte schließlich einen Kredit, und der Wiener Krankenanstaltenfonds beauftragte Paltauf mit der Einrichtung von Instituten zur Heilserengewinnung in der k. u. k. Rudolfstiftung und im Kaiser-Franz-Josephs-Spital.

Da es im Bereich der Rudolfstiftung keinen Platz für den Bau der benötigten Pferdeställe gab, wurden die bereits bestehenden Stallungen im Kaiser-Franz-Joseph-Spital dafür verwendet. Hier wurden die Pferde immunisiert und Räume für die Herstellung von Diphtherietoxin eingerichtet. Bereits am 21. Oktober 1894 konnte das Institut dem St. Anna Kinderspital 20 Flaschen Serum übergeben. Der rasch wachsende Bedarf erforderte aber bald Zubauten und Erweiterungen auf dem Areal des Kaiser-Franz-Josephs-Spitals. Ende 1895 lieferten die 46 Pferde in den Stallungen an der Triesterstraße 9.236 Dosen Diphtherietoxin. Vier Jahre später waren es bereits 41.662. Der Verkauf des Diphtherieserums erfolgte über die k.u.k. Hofapotheke in Wien. In der alten Hofapotheke ist heute das Lipizzaner-Museum untergebracht.

Großer Bedarf an Seren

Die enorm steigende Nachfrage machte bald einen Neubau an der Triesterstraße notwendig. Fertig gestellt wurde die neue Produktionsanstalt im Jahr 1899. Um die Jahrhundertwende produzierte das Institut auch Tetanustoxin, Seren gegen Strepto-, Staphylo- und Meningokokken, Milzbrand und Rotlaufbakterien. Daneben stellte das staatliche Serotherapeutische Institut auch diagnostische Seren für Thyphus, Cholera und ein Serum zum forensischen Nachweis von Blut her. Ebenfalls durchgeführt wurden hier Immunisierungsversuche mit Pestbakterien. Paltauf berichtete darüber in einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Nach einer schwerwiegenden Komplikation – über die tragischen Laborpestfälle im Jahr 1898 in Wien berichteten wir bereits – in einem anderen Labor mussten die Arbeiten mit Pestbazillen aber eingestellt werden.

Das Heimatbuch des 10. Wiener Gemeindebezirkes informierte den Leser über das Institut an der Triesterstraße so: „Es dürfte wohl den wenigsten Favoritnern bekannt sein, daß in dem bescheidenen Gebäude Triesterstraße 50, welches dem ausgedehnten Triester Spital angegliedert ist, eine der größten Giftfabriken Europas sich befindet. Hier werden Reinkulturen der gefährlichen, mikroskopisch kleinen Erreger aller möglichen ansteckenden Krankheiten gezüchtet. […] Eine eigene Köchin bereitet diesen bösartigen Feinden der Menschheit jene Speisen (Fleischbrühen, Kartoffelscheiben, Nährgelatine), auf denen sie am besten gedeihen.“

Export in alle Welt

Aus dieser so unscheinbaren und dabei einzig dastehenden Serumfabrik werden die Erzeugnisse in mehreren hunderttausend Glasphiolen alljährlich in die ganze Welt hinaus versandt. Bezeichnend für den Absatz ist, dass die Etikettierung der Serumfläschchen in sechs Sprachen erfolgt. Einige dieser Glasröhrchen wären imstande, durch ihren Inhalt bei ungeschickter oder böswilliger Verwendung die Einwohner ganzer Städte und Länder hinzumorden. In der fachkundigen Hand des Arztes bringen sie jedoch Heil und Gesundheit für viele Kranke, für die es in früheren Zeiten keine Hilfe gab.

Im Jahr 1908 wurde das Serotherapeutischen Institut mit dem Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie im neu errichtete Gebäude des k. u. k. Hygiene Universitätsinstitut in der Kinderspitalgasse 15 zusammengelegt. Die von Paltauf eingeführte Serologie und Bakteriologie führte zu einer Blütezeit der experimentellen Medizin in Wien. Das Serotherapeutische Institut an der Triesterstraße war einer der Pfeiler auf der der klinische Pathologe Paltauf sein, wie Georg Dohm es in seiner Geschichte der Histopathologie nennt, „Königreich der experimentellen Medizin“ begründete.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 17 /2012

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