zur Navigation zum Inhalt
Foto: Mag. Wenzel Müller
Kleine oder große, einfache oder geschmückte Urne? Die Bestattungsunternehmen müssen Trost spenden – und Geld machen.
 
Leben 7. Mai 2009

Zwischen Pietät und Profit

Bestattungsunternehmen: Moderne Dienstleister rund um den Tod. Von

Sterben müssen wir alle. Daran kann auch die moderne Medizin nichts ändern. Wie steht es heute um die Kultur der Bestattung?

 

Die Herrschaft brauchte noch gar nicht tot zu sein. Es genügte, dass sie im Sterben lag oder es ihr gesundheitlich schlecht ging. Schon wurden die Hausmeister aktiv und verständigten, mit Hoffnung auf eine satte Provision, eines der zahlreichen Bestattungsunternehmen in Wien. Deren Agenten strömten aus und bezogen in den umliegenden Wirtshäusern Quartier, um im Todesfall als Erster zur Stelle zu sein und den Auftrag für das Begräbnis an Land zu ziehen.

Wie man bei einer Führung durch das Wiener Bestattungsmuseum erfährt, rauften sich Ende des 19. Jahrhunderts die einzelnen Bestattungsunternehmen regelrecht um die Leichen. Oder besser gesagt: um das Geschäft. 1859 war die Bestattung als freies Gewerbe zugelassen worden, und schon bald darauf stritten nicht weniger als 80 Unternehmen um den Wiener Bestattungskuchen.

Es war jene Zeit, in der das berühmte Wort von der „Schönen Leich“ aufkam – für honorige Bürger kam nur eine honorige Begräbnisfeier in Frage. Dafür stürzten sich Hinterbliebene auch oft genug in Schulden. Es ging schließlich um die gesellschaftliche Reputation, um die letztmögliche Selbstdarstellung innerhalb der Gesellschaft. Wie hätte das auch ausgesehen: Einen ehrwürdigen Medizinalrat in einem billigen Kiefernsarg beizusetzen! Es galt, auch den Nachruhm im Auge zu haben. Eine Beisetzung mit großem Geläute, Fackelträgern und Trauerkutsche samt Vorreiter demonstrierte Größe und gesellschaftliche Macht. Es gab um 1900 neun Begräbniskategorien, oben rangierten – in absteigender Reihenfolge - die Prachtklasse, die Halb-Pracht-Klasse, die Super1-Klasse und die 1 Klasse B.

Aus jener Zeit stammt auch das Wort Pompfüneberer: So hießen die schwarz uniformierten Männer mit dem Zweispitz im Wien der Jahrhundertwende, und so werden die Bestatter auch heute noch gerne genannt. Der wienerisch-französische Begriff leitet sich ab von der 1867 gegründeten „Entreprise des Pomps funèbres“, die drei Jahre später in „Erste Wiener Leichenbestattungs-Anstalt“ umbenannt wurde.

Mit einem ordentlichen Begräbnis konnten die Bestatter gutes Geld verdienen. Dazu mussten sie freilich auch Bestechungen, Prämien und Provisionen zahlen, so blieb die Pietät allzu oft auf der Strecke. Die Beerdigung nahm mehr und mehr den Charakter eines rauen Geldgeschäfts an, nachdem sie über Jahrhunderte zunächst die Angelegenheit von Angehörigen, Freunden und Nachbarn gewesen war und dann von den Religionsgemeinschaften.

Von der Gemeinde gekauft

Ein halbes Jahrhundert tobte ein regelrechter Krieg um die Toten, dann bereitete der Wiener Bürgermeister Karl Lueger diesem Treiben ein Ende. Die privaten Unternehmen in Wien wurden nach und nach von der Gemeinde aufgekauft, und die Bestattung ging in kommunale Verantwortung über. Etwas anders sah es in den Bundesländern aus: Hier konnten sich zahlreiche private Unternehmen, meist seit Generationen in Familienbesitz – Bestatter vererben eben ihren Beruf wie Könige ihren Thron –, weiterhin halten.

1907 wurde die Bestattung von Toten zu einem „konzessionierten Gewerbe“. Eine Konzession wurde nur erteilt, wenn eine fachliche Befähigung vorlag und Bedarf bestand, Bedarf nämlich an einem weiteren Unternehmen. Diese Regelung führte praktisch dazu, dass die einzelnen Bestatter in ihrer jeweiligen Region eine Art Monopolstellung innehatten. Ab 1994 zählte das Bestattergewerbe zu den „nicht bewilligungspflichtigen gebundenen Gewerben“.

Bewegung in der Branche

Das gilt nun seit 2002 nicht mehr, seit die Gewerbeordnung – im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung in der Europäischen Union – ein weiteres Mal geändert wurde. Seither ist das Bestattungswesen ein „reglementiertes Gewerbe“, was vor allem heißt, dass zu einer Niederlassung keine Bedarfsprüfung mehr nötig ist. Nur noch ein Befähigungsnachweis. Grundidee: Das Bestattungsgewerbe soll sich genauso wie alle anderen Wirtschaftsbereiche über die Gesetze des Marktes regulieren.

Seitdem gilt auch in dieser Branche, Gewinn zu machen und sich auf das Spiel von Angebot und Nachfrage einzulassen. In Wien hat das vormalige Monopolunternehmen „Bestattung Wien“ Konkurrenz erhalten, etwa zehn weitere Unternehmen sind dazugekommen und bieten nun auch ihre Dienste rund um den Tod an – die Zahl schwankt, weil ständig neue dazukommen und andere wieder vom Markt verschwinden. In diese Berufssparte ist Bewegung gekommen. Ist nur zu hoffen, dass es nicht wieder zu Verhältnissen wie vor hundert Jahren kommt!

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben