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Leben 17. April 2012

Wer nicht handelt, der wird behandelt

Wie weit dürfen sich Patienten in unsere sorgsam für sie erdachten Therapiestrategien einmischen?

Das nette, einst vom deutschen Politiker Rainer Barzel geäußerte Zitat „Wer nicht handelt, der wird behandelt“ stimmt nachdenklich: Ist der Umkehrschluss zulässig, dass eine Behandlung nur dann erfolgen kann, wenn unsere Patienten still halten und nicht aufmucken?

In der Regel wünschen sich Ärzte – so sie der schneidenden Zunft angehören – Menschen, die sich weitgehend ruhig verhalten. Dies dient letztlich nicht nur dem Komfort der Chirurgen, sondern auch der Sicherheit der Personen unter dem Messer. Und Patienten, die sich in die Schnittführung einmischen, die Hand des Behandlers gar ein wenig führen oder sonstige Verrenkungen während einer Operation durchführen, werden in der Regel nach kurzer Zeit vom Anästhesisten in die Traumwelt befördert.

So manch konservativ tätige Kollege würde sich ein solches Vorgehen auch manchmal wünschen und seine widerspenstigen sowie ständig meckernden Patienten narkotisieren, um ihnen die Tabletten einfach in den Mund zu schieben. Doch Mediziner, die Wert auf eine partnerschaftliche Arzt-Patient-Beziehung setzen, schätzen die Qualität eines guten Gespräches mit einem weitgehend wachen Gegenüber.

Dennoch haben wir – so unvoreingenommen, offen und empathisch wir auch sein wollen – eine gewisse Vorstellung, wie eine Heilung erfolgen soll. Dies betrifft die alteingesessenen Schulmediziner genauso, wie die komplementär arbeitenden Ärzte. Diese gewisse Vorstellung weicht mitunter von den Vorstellungen unserer Patienten ab. Und sind sie von einer Heilmethode völlig überzeugt, so neigen wir dazu, den Patienten gänzlich vom handelnden zum behandelten Individuum zu degradieren. Dann wollen wir nichts anderes, als die Menschheit damit zu beglücken – egal, ob wir der Kundschaft tonnenweise Statine in den Rachen werfen, ihre Amalgamfüllungen bioresonanztechnisch ausleiten oder wegen einem Hühnerauge eine jahrelange Psychoanalyse durchführen.

Die allzu große Begeisterung über das eigene Tun kann dazu führen, dass wir unsere Patienten überrennen und ihnen Einwilligungen abluchsen, die sie bei näherer Betrachtung vielleicht niemals gegeben hätten. Ausbaden muss es letztlich der Patient. Denn während wir einige Jahre später völlig begeistert einer gänzlich neuen Methode anhängen und wild auf die Nachteile der alten Vorgehensweise schimpfen, haben unsere Schäfchen nach wie vor an den Folgen der endoskopisch über das Rektum entfernten Weisheitszähne zu kiefeln. Jetzt endlich darf der Patient handeln. Schließlich ist der Wille, so einen Murks zu behandeln bei vielen Kollegen enden wollend.

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