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Foto: ullstein bild / Roger-Viollet
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Foto: Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

In der Antike stellten sich die Menschen die Leidenschaften als Gottheiten vor, die kurzzeitig die Macht über sie ergreifen. Wenn sie sich beispielsweise verliebten, wurden sie vom Pfeil des Cupido oder römischen Gottes Amor getroffen.

 
Leben 17. April 2012

Wie eine wilde Bestie

Das Deutsche Hygienemuseum zeigt „Leidenschaften – ein Drama in fünf Akten“.

Der Mensch ist autonom. Bis Liebe, Zorn oder Hass über ihn kommt. Dann kann es plötzlich mit seiner Vernunft und Besonnenheit vorbei sein. Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden zeigt in seiner aktuellen Sonderausstellung, welche ungeheuerliche Kraft Leidenschaften haben können.

 

Der Blutdruck steigt, das Herz rast, die Pupillen weiten sich. Das sind die typischen Zeichen bei Zorn. Eine intensive Gefühlsregung hat somatische Reaktionen zur Folge. Der Körper sammelt seine Kräfte, spannt sich an, ist zum Angriff bereit.

Besondere Gefühlsregungen können auch zu einem gegenteiligen Effekt führen: Der Blutdruck sinkt, der Herzschlag verlangsamt sich, Entspannung macht sich breit. Ein wohliges Gefühl erfüllt den ganzen Menschen, so etwa im Zustand des Verliebtseins.

Hygienemuseum seit 100 Jahren

Leidenschaften können ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche Reaktionen zur Folge haben. Gleich ist ihnen, dass sie uns geradewegs übermannen. Wir sind dann nicht mehr Herr im eigenen Haus. Diese starken Gefühlsempfindungen haben eine derartige Kraft, dass wir uns ihrer nicht oder nur schwer erwehren können. Sie kommen über uns – oder auch nicht. Ob wir wollen oder nicht. In jedem Fall können wir sie nicht willentlich herbeiführen.

Liebe, Begierde, Freude und Staunen, das sind die eher positiv besetzten Leidenschaften. Hass, Zorn, Angst, Scham, Trauer, Neid und Ekel die negativ besetzten. Diesen intensiven Gefühlsregungen widmet das Deutsche Hygienemuseum, das heuer 100 Jahre alt wird, seine aktuelle Sonderausstellung, und dies auf ebenso interessante wie innovative Weise: In seiner Konzeption folgt die Schau dem klassischen Aufbau eines Dramas, mit diesen aufeinander folgenden Teilen: Exposition, Konflikt, Höhepunkt, Wendung und Auflösung.

Die Ausstellungsräume sind wie Bühnenbilder gestaltet, die der Besucher durchwandert. Dazu hat sich die Kuratorin Catherine Nichols die Unterstützung der französisch-iranischen Opernregisseurin Mariame Clément und der Berliner Bühnenbildnerin Julia Hansen geholt. Jeder Raum repräsentiert eine Wohnung, und diese Wohnung verändert sich von Akt zu Akt. Im zweiten etwa, dem „Konflikt“, ist eine Hälfte der Wohnung ordentlich aufgeräumt, die andere befindet sich in Schieflage. Und in jedem Raum finden sich Exponate, die die Kulturgeschichte der Leidenschaften von der Antike bis in unsere Gegenwart wiedergeben.

Griechen sprachen von „Pathe“

Wir rasen vor Zorn, wir zittern vor Angst, wir erröten aus Scham. Freude lässt uns jauchzen, Trauer verzehrt uns: Leidenschaften sind so alt wie die Menschheit. Die alten Griechen nannten sie „Pathe“, das verwandte Wort Passivität verweist auf deren zentrale Eigenschaft, die wir schon angesprochen haben: Wir sind dieser fremden Macht mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Sie steht nicht in unserer Verfügung und Willkür. Deutlich wird das nicht zuletzt in Redewendungen, die wir gebrauchen, wie etwa „Zorn erfüllt mich“ oder „Ich werde von Begeisterung hingerissen“. Im Mittelalter wurden die Leidenschaften gerne in Form von wilden Bestien dargestellt. Sie überfallen den Menschen und gefährden dessen Identität, die sich auf Vernunft und Besonnenheit gründet. Es sind diese Triebkräfte, die die Weltgeschichte beeinflussen und noch den kleinsten Nachbarschaftsstreit auslösen können.

Antrieb und Störenfried

Was passiert in unserem Körper, wenn sich da plötzlich eine Art animalische Kraft breit macht? In der Antike und im Mittelalter wurden dafür die Säfte der Galle verantwortlich gemacht. Heute schreiben wir das dem subkortikalen Teil des Gehirns und den Hormonen zu.

Wir lieben die Leidenschaften und wir fliehen sie. Was wäre das Leben ohne Hass und Liebe und Freude? Es wäre nur unendlich langweilig. Doch es wäre ohne diese Eruptionen manchmal auch sehr viel friedvoller. Sie sind Antrieb und Störenfried, je nachdem. Die einen Theoretiker halten ein richtiges Maß an Leidenschaften für eine gute Sache und frischen Wind in den Segeln für lebensnotwendig. Andere wollen das Schiff „Mensch“ am liebsten gar nicht aus dem Hafen auslaufen lassen... Erziehung und Religion, Medizin und Hygiene werden aufgeboten, um die Leidenschaften im Zaum zu halten.

Wir fühlen, so lange wir leben. Welche Gefühle wir empfinden, das steht nicht immer in unserer Macht. Es können angenehme sein, es können auch zermürbende sein. Fühlen wir nicht mehr, sind wir tot.

 

Deutsches Hygienemuseum: Ausstellung „Die Leidenschaften – Ein Drama in fünf Akten“, bis 30. Dezember 2012, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden

Von W. Müller , Ärzte Woche 16 /2012

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