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Fotos (4):  W. Regal
Augen-Operationsbesteck um 1850.

 Augenlehrpräparat
 Melanosarkom

Carl Ferdinand von Arlt (1812–1887).

 
Leben 10. April 2012

„Primum humanitas, alterum scientia“

Vor 200 Jahren wurde der Okulist Ferdinand Ritter von Arlt geboren.

„Zum guten Operateur gehört nicht wissenschaftliche Befähigung, sondern Uhrmachertalent“, pflegte der Augenarzt Ferdinand Ritter von Arlt (1812–1887) zu Kollegen zu sagen, die seine Geschicklichkeit beim Operieren bewunderten. Aber nicht nur seine geniale Operationstechnik, auch seine Fähigkeiten als akademischer Lehrer und Forscher lockten in der Mitte des 19. Jahrhunderts viele Ärzte und Studenten aus der ganzen Welt ins Allgemeine Krankenhaus nach Wien. Gemeinsam mit Rokitansky, Skoda, Schuh und Hebra war Arlt einer der Begründer der weltberühmten „Wiener Medizinischen Schule“. Am 18. April jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal.

 

Die erste Universitäts-Augenklinik der Welt wurde 1812 in Wien gegründet. Sie bestand zwar nur aus drei Zimmern im 4. Hof des Allgemeinen Krankenhauses, war aber dennoch Attraktion und Tagesgespräch bei den im Tross des Wiener Kongresses angereisten Ärzten der europäischen Potentaten. Leiter der Klinik war Georg Josef Beer, der aber erst 1818 Ordinarius und ordentlicher Professor für Augenheilkunde wurde. Die Augenheilkunde war nun nach Jahrzehnte langem Kampf endlich als Spezialfach anerkannt.

Die kleine Klinik im Allgemeinen Krankenhaus wurde zur Keimzelle der europäischen Augenheilkunde. Auch Beers Nachfolger Anton von Rosas ging in die Medizingeschichte ein. Aber – vielleicht etwas unverdient – nicht als Okulist, sondern als Gegner von Ignaz Semmelweis. Im Oktober 1856 berief Unterrichtsminister Leo Graf von Thun-Hohenstein Arlt, Professor der Augenheilkunde in Prag, als Nachfolger Beers nach Wien.

„Erst Menschenliebe, dann Wissen“

Arlt wuchs, wie er selbst erzählte, „in kümmerlichen Verhältnissen auf“. Geboren als Sohn eines armen Bergschmiedes in Obergraupen bei Teplitz in Böhmen, musste er sich schon früh seinen Lebensunterhalt als Nachhilfelehrer und Erzieher bei einem wohlhabenden Kaufmann und später durch Abschreiben von Vorträgen und Krankengeschichten verdienen. Auch als reicher und gefeierter Kliniker, zu dem Ärzte und Kranke aus der ganzen Welt pilgerten, vergaß er das nie. „Primum humanitas, alterum scientia“ – „Erst Menschenliebe, dann Wissen“ war einer seiner Wahlsprüche. Er unterstützte viele mittellose Studenten und linderte auch, meist heimlich, die Not armer Patienten. „Wo das Leiden und der Hunger anfängt, da hört Nationalität und Konfession auf“, sagte er einmal. In seinem Geburtsort ließ Arlt auf seine Kosten eine Schule bauen und besorgte dafür eine Turmuhr aus Wien.

Neuer Zeitgeist

„Zu der Zeit, als ich meine Studien der Medizin durchmachte, stand diese als Wissenschaft überhaupt noch grossentheils auf einer sehr niedrigen Stufe... und gefiel sich in mehr oder weniger bestechenden Hypothesen. Man getraute sich nicht, die Gesetze der Physik auf den menschlichen Organismus anzuwenden“, schreibt Arlt in seiner Biographie.

In Wien begann damals gerade ein „Schlossersohn aus Pilsen“ seine Kenntnisse der Physik am „menschlichen Körper zu verwerthen und die Diagnostik auf die anatomischen Veränderungen zu stützen“. Gemeinsam mit dem Pathologen Rokitansky schuf der „Schlossersohn“ Joseph Skoda eine völlig „neue Richtung der Medizin“. Ihr Ruf erreichte bald auch Prag, und ab 1837 gingen einige Ärzte der Prager Universität nach Wien, um die „neue Richtung“ zu studieren.

Im November 1839 beendete Arlt sein Medizinstudium in Prag und wurde zum Doktor der Medizin und Chirurgie und zum Magister der Augenheilkunde promoviert und erhielt eine Assistentenstelle bei Johann Nepomuk Fischer an der Prager Ophthalmologischen Klinik.

Vor Antritt seiner Assistentenstelle verpflichtete ihn Fischer jedoch, für einige Monate nach Wien zu gehen, um sich „mit dem Geiste der neueren Richtung vertraut zu machen“. Bereits vor dem Tod Fischers im Jahr 1848 übernahm Arlt supplierend die Lehrkanzel und wurde 1849 zum „wirklichen ordentlichen Professor“ in Prag ernannt.

Schon seit seiner Assistentenzeit war bekannt, dass Arlt unglaublich gut und schnell operierte. Arlt war ambidexter, er konnte mit der linken Hand ebenso geschickt operieren wie mit der rechten und trainierte das wie ein Geigenvirtuose täglich. In Zeiten, da es noch nicht möglich war, schmerzfrei zu operieren, ein kaum zu überbietender Vorteil für den Patienten. Sein von 1851 bis 1856 erschienenes dreibändiges Lehrbuch Die Krankheiten des Auges für praktische Ärzte verwendete bereits die von Rokitansky entwickelte neue Einteilung und Methode der pathologisch-anatomischen Forschung. Das Buch erlebte fünf Auflagen. Im Jahr 1854 gelang es ihm, das Problem der Kurzsichtigkeit zu klären. Er lieferte durch Sektionen den anatomischen Nachweis, dass der Grad der Myopie meist vom „Grad der Zurückdrängung der hinteren Wandung des Bulbus“ abhängig ist. Unterstützt dabei hat ihn möglicherweise die Frau seines Lehrers Fischer. Die stark kurzsichtige Dame hatte testamentarisch bestimmt, dass Arlt ihre Augen zur anatomischen Untersuchung erhalten sollte. Arlt war auch der Erste, der sich 1844 eine „Sammlung von Drucksorten verschiedener Größe“ zusammenstellte und „stufenweise“ ordnete, um ein „brauchbares Mittel zur Beurtheilung der Sehkraft“ zu gewinnen. Das Problem löste dann 1862 wissenschaftlich exakt der niederländische Augenarzt Herman Snellen mit seinen Sehprobentafeln.

Berufung nach Wien

Am 1. Oktober 1856 erfolgte die Berufung Arlts als ordentlicher Professor der Ophthalmologie an die Wiener Universität, wo er bis Ende Juli 1883 die 1. Universitätsaugenklinik leitete. Mit Arlt erlebte die Wiener Schule der Augenheilkunde wieder eine Zeit der Blüte und gewaltigen Neuerungen auf dem Gebiet der Augenheilkunde. Durch die Erfindung des Augenspiegels durch Helmholtz 1850 – Arlt gesteht in seiner Autobiographie, dass er längere Zeit mit ihm nicht viel anzufangen wusste – kam es zu einer vollständigen Umwälzung der Augenheilkunde. Bisher ungeahnte Aufschlüsse über Bau und Funktion des Auges liefert eine immer besser werdende Mikroskopie und das antiseptische Verfahren zog auch in die Augenheilkunde ein und die Instrumente wurden jetzt vor und nicht wie bisher erst nach den Operationen gereinigt. Die Narkose war bereits bekannt, Augenoperationen wurden aber, weil man das postoperative Erbrechen fürchtete, in Wien noch ohne Narkose durchgeführt.

Einer der besten Augenärzte

Obwohl Arlts Domäne vor allem der vordere Augapfelabschnitt war, hatte er dennoch auch „an den neueren Errungenschaften einen erheblichen Antheil“. Neben seinem Schüler Albrecht von Graefe in Berlin galt Arlt als der beste Augenarzt Europas. Ärzte aus der ganzen Welt pilgerten zu ihm und unzählige hervorragende Augenärzte gingen aus seiner Schule hervor. Am 7. März 1887 starb mit Ferdinand Ritter von Arlt einer der ganz Großen der Wiener Medizinischen Schule.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 15 /2012

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