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Das Lächeln eines nepalesischen Adeligen geht um die Welt. In Österreich geben rund 15.000 den Buddhismus als Konfession an.
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Prim. Dr. Fridolin Stögermayer ehem. Vorstand der Abteilung für Urologie am Hanusch-Krankenhaus

 
Leben 7. Mai 2009

Antworten des sanften Weges

Die diversen Krisen traditioneller Konfessionen schaufeln Wasser auf die Mühlen des Buddhismus, dessen Lehre vielfach mit dem Attribut „friedliebend“ beschrieben wird.

Annähernd 2.500 Jahre alt ist die buddhistische Lehre, begründet von dem im heutigen Nepal adelig geborenen Siddharta Gotama, dessen Würdebezeichnung „Buddha“ aus dem Sanskrit übersetzt „der Erleuchtete“ bedeutet. Von seinen Kernregionen Südostasien aus hat der Buddhismus stetig für Aufmerksamkeit und Interesse gesorgt und an Boden und Mitgliedern gewonnen. 500 Millionen Menschen weltweit werden der buddhistischen Religion zugerechnet. In Österreich bekannten sich laut Volkszählung 2001 (Statistik Austria) knapp 10.500 Menschen – sowohl In- als auch Ausländer – zum Buddhismus, die aktuelle Zahl dürfte bei etwa 15.000 liegen.

 

Vor rund 15 Jahren ist der nunmehr pensionierte, ehemalige Vorstand der Urologie des Wiener Hanusch-Krankenhauses, Dr. Fridolin Stögermayer, Buddhist geworden. „Einfach aus einer Sinnfindungsfrage oder Suche nach einer Lebensbasis heraus – es war für mich ein Bedürfnis, irgendwo ein Geländer zu haben, an dem man sich anhalten kann“, so Stögermayer zu seiner Motivation. Eine theistische Religion war und ist für den Urologen kein Thema. Der Gedanke an einen „allmächtigen Gott, der diese Welt erschaffen hat“, ist für Stögermayer „so etwas von fremd, das ist in meinem Denken nicht enthalten.“

Konsequenterweise habe sich der Buddhismus angeboten, weil es dort diese Frage (eines allmächtigen Gottes, Anm.) nicht gebe. Auf den ersten Anstoß folgte eine sehr intensive Beschäftigung mit der buddhistischen Lehre. Stögermayer über seinen Weg zum Buddhismus: „Für einen abendländischen Menschen, der mit einer fernöstlichen Religion in Verbindung kommt, geschieht die Annäherung hauptsächlich über das Studium. Das bedeutete für mich sehr viel Literatur – weniger Pimärliteratur, denn wenn Sie beginnen, den Pali-Kanon (i.e. der buddhistische Kanon, geschrieben in einem mittelindischen Dialekt und bestehend aus drei Abteilungen, den sogenannten „Körben“: Vinaya-pitaka/Korb der Disziplin, Sutta-pitaka/Korb der Lehrreden, Abhidhamma-pitaka/Korb der Metaphysik) zu lesen, werden Sie ziemlich schnell verzweifeln. Man muss mit Leuten in Kontakt kommen, die Erfahrung und Wissen haben. Und dann kommt noch die Meditationspraxis dazu, ohne die es nicht geht.“

Die tibetische Tradition

Stögermayer ist eigenen Angaben zufolge in der tibetischen Tradition zu Hause. Diese habe ihn – nicht zuletzt durch die tibetischen Lehrer, mit denen er in Kontakt kam – sehr beeindruckt. Da komme es darauf an, ob man zu diesen Inhalten eine wirkliche Beziehung herstellen kann. „Darüber hinaus ist nicht nur entscheidend, was diese Menschen verbal vermitteln, sondern auch wie glaubwürdig sie sind und wie weit man dazu Vertrauen aufbauen kann.“

Gefragt, ob Stögermayer auf unglaubwürdige Lehrer gestoßen sei, meint er: „Zunächst sollte man ,unglaubwürdig‘ definieren. Was mich anspricht, muss Sie nicht ansprechen in Ihrer Persönlichkeit. Dass es in der ganzen Szene auch Scharlatane gibt, ist unbestritten. Darauf kommt man aber sehr schnell. Ich persönlich bin nie auf solche gestoßen, das sind eher Einzelerscheinungen, die mehr in esoterischen Richtungen zu finden sind. Die Grundlage von Vertrauen ist Wissen. Wenn man lernt und diese Lehrinhalte für sich als stimmig empfindet, dann entwickelt sich daraus Vertrauen. Alles andere wäre Glaube. Ich werde mit einem Inhalt so vertraut, dass er für mich stimmig wird. Das hat Buddha immer gesagt: Glaubt mir kein Wort, sondern überprüft es, ob es für euch passt.“

Die Zeit der Aufklärung und die zwei Weltkriege haben, so Stögermayer, das traditionelle Gottesbild eigentlich vernichtet. Die Menschen ließen sich heute nicht mehr so leicht gängeln, sondern sie bildeten sich ihre eigenen Systeme. Das sei zum Teil ein Ausdruck von Bequemlichkeit, weil man sich aus einer Religion das Bequeme herausholt und das Unbequeme weglässt. Andererseits suchten Menschen für sich Inhalte, die stimmig für sie sind. Stögermayer spricht deshalb auch vom „Zeitalter der Privatreligionen“. Und führt als Grund für die Hinwendung zu anderen Glaubensrichtungen auch „Unstimmigkeiten in der sogenannten Amtskirche“, wie beispielsweise den Ausschluss von Frauen, an.

Auswirkung auf den Arzt-Beruf

Als sehr entscheidend bezeichnet Stögermayer die Auswirkungen seiner Zuwendung zum Buddhismus auf seinen Beruf als Arzt. Für die Hinwendung zu den Anderen als zentrales Element des Glaubens findet Stögermayer, als ehemaliger leitender Urologe des Hanusch-Krankenhauses in Wien, eine Ideal-Darstellung, die mit den Worten Viktor Frankls besagt: „Lebe so, dass Du Dich selbst nicht siehst“ – das heißt, sich ohne Wenn und Aber in den Dienst der Anderen zu stellen, ohne etwas zu erwarten und ohne Hintergedanken. Nach seiner Hinwendung zum Buddhismus habe er seine Patienten und Mitarbeiter, eigentlich die „gesamte Umwelt“, anders betrachtet. Dieser Prozess des Anders-Sehens sei sehr schnell eingetreten, weil „ich schnell die positive Wirkung erlebt habe. Man bekommt plötzlich sehr viel zurück, und das bestätigt dich einfach. Dadurch bedarf es auch gar nicht so großer Anstrengungen, einfach zu den Mitmenschen menschlich zu sein. Ich sage das nicht aus Idealismus heraus, sondern habe dies in meiner beruflichen Tätigkeit erlebt. Im Prinzip ist es ganz einfach.“

Nachdem der Urologe fünf Jahre lang Vizepräsident der ÖBR (Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft) war, fungiert er nun als Obmann des vor fünf Jahren gegründeten mobilen Hospiz-Dienstes der ÖBR.

Das kostbare Menschenleben

In Bezug auf Gesundheit und das menschliche Leben geht der Buddhismus davon aus, dass man permanent Lebenskreisläufe durchläuft. Stögermayer erläutert: „Dass man jetzt hier als Mensch in dieser Daseins-Form existiert, ist so eine außerordentliche Seltenheit im Vergleich zu allen anderen Wesen, weshalb der Buddhismus vom ‚kostbaren Menschenleben’ spricht. Man soll daher mit dem Leben umgehen, wie man mit etwas Kostbarem umgeht.“ Somit: Sorgsamer Umgang auch im Sinne gesunden Lebens, was nicht zwangsläufig bedeutet, Vegetarier zu sein. Zwar werde vegetarische Ernährung „nahegelegt – die südostasiatischen Derivate (des Buddhismus, Anm.) sind durch die Bank Vegetarier. Aber es gibt keine Regeln, es liegt an dir selbst“, so Stögermayer. Die Tibeter seien kulturell bedingt auch Fleischesser, weil in diesen Höhen kaum Gemüse wachse.

„Karma“ ist ein Gelehrtenstreit

Beim Thema Krankheit kommt das Ursache-Wirkung-Prinzip zur Sprache. „Wir handeln ja immer auf drei Ebenen“, erklärt Stögermayer. „Entweder wir machen etwas Gescheites oder etwas Schlechtes oder es ist indifferent. Aber alles hat seine Wirkung. Wie weit Krankheit karmisch bedingt ist, ist eines der großen buddhistischen Diskussionsthemen. Dafür gibt es noch keine definitiven Antworten, darüber streiten noch die Gelehrten. Aber eines ist sicher: Nicht alles im Leben, was einem widerfährt, ist karmisch bedingt. Weil es Bedingungen gibt, die außerhalb unseres Einflusses – wie etwa die Umweltverschmutzung – liegen. Buddha selbst hat einmal gesagt, man soll sich eigentlich nicht um diese karmischen Verstrickungen kümmern, weil man sie nicht kennt. Das eigene Karma ist wie ein Schiffstau, aus tausenden Fasern geflochten und gedreht, im Zusammenspiel mit vielen anderen Wesen. Karma ist nichts Schicksalhaftes, ist keine unveränderbare Schiene, die man durchläuft, sondern man kann sein eigenes Karma sehr wohl durch positives Handeln beeinflussen.“

Zwischen Panik und Gelassenheit

Tod und Vergänglichkeit können aus buddhistischer Sicht als „Vorstellungen des Geistes begriffen werden, Geburt und Tod sind nicht Anfang und Ende, sondern stellen Punkte in Kreisläufen dar, die sich immer wieder wiederholen.“ Wie lange Stögermayer gebraucht habe, um diese Betrachtung für sich verankern zu können? „ Ich bin noch nicht fertig damit, der Gedanke an Tod schwankt bei mir zwischen Panikattacken und Gelassenheit. Man kann in seiner Erkenntnis so weit kommen, Ereignisse wie Tod und Geburt wirklich so zu sehen, wie wir jedes Jahr im Herbst das Fallen der Blätter sehen. Diese Gedanken an Wiedergeburt sind sehr kompliziert, und es herrschen sehr viele Missverständnisse vor.“

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Kein Verzicht auf materiellen Wohlstand
Buddhas Ansicht bezüglich materiellen Besitzes erläutert Stögermayer: „Der Buddha hat immer gesagt, man solle sein Leben so führen, dass man nicht arm sein soll. Es soll einem Menschen so gut gehen, dass er Freiraum hat: Wenn es einem schlecht geht, hat man keinen Freiraum, weder um für sich zu arbeiten, noch für andere. Es soll einem mit seinem materiellen Hintergrund so gut gehen, dass man sich die Zeit nehmen kann, mit seinem Geist zu arbeiten oder sich um Mitmenschen zu kümmern. Buddha hat auch klare Vorstellungen gehabt, wie man seine materiellen Mittel aufteilen soll, und zwar nach einem Viertel-System: Die Hälfte des Einkommens für das Leben, ein Viertel den Armen, und das restliche Viertel soll für Rücklagen verwendet werden.“
 Internettipp: www.buddhismus-austria.at

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche

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