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Vergiss Alzheimer Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist Cornelia Stolze 245 Seiten, € 18,99 Kiepenheuer & Witsch; Auflage: 1., Auflage, 2011 ISBN 3462043390

 
Leben 3. April 2012

Das Schreckensbild unserer Zeit

Cornelia Stolze über die Angst vor dem Vergessen.

Jeder hat davon schon gehört. Jeder meint zu wissen, was darunter zu verstehen ist. Und fast jeder fürchtet sich inzwischen davor, das Leiden selbst einmal zu bekommen. Alzheimer ist in aller Munde – doch bisher fischen wir, was Diagnostik und Therapie betrifft, noch weitgehend im Trüben, das schreibt die Diplom-Biologin und Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze in ihrem neuen Buch Vergiss Alzheimer.

 

Ein Patient klagt über Kopfschmerzen. Die wenigsten Ärzte werden nun einen Hirntumor annehmen. Man muss ja nicht gleich an das Schlimmste und das Unwahrscheinliche denken.

Schnellschuss-Diagnose

In einem anderen Bereich ist just dies aber mehr oder weniger an der Tagesordnung. Ein Patient muss nur im höheren Alter sein und Erinnerungslücken aufweisen, schon tendieren viele, wenn nicht die meisten Mediziner zu dieser Diagnose: Morbus Alzheimer. Dieser Schnellschuss ist leicht zu entschuldigen, denn Ärzte sind auch nur Menschen. Wer dauernd von der „Volkskrankheit“ Demenz liest, wo ein Fortbildungsseminar nach dem anderen ihr gewidmet ist, der tippt bei entsprechenden Symptomen verständlicherweise als Erstes auf diese Krankheit. Und zieht gar nicht in Erwägung, dass auch eine andere Ursache vorliegen könnte: postoperativer Delir, Dehydrierung, Schilddrüsenstörung, Durchblutungsstörung oder akuter Verwirrtheitszustand, um nur einige Möglichkeiten anzuführen. Meist geht der Arzt ohnehin nach dem Ausschlussprinzip vor: Wenn er nichts findet, was in seinen Augen erklärt, warum der Betroffene verwirrt, vergesslich oder desorientiert ist, dann muss es wohl Alzheimer sein.

Was die Sache zusätzlich erschwert und worauf die Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze in ihrem neuen Buch Vergiss Alzheimer hinweist, ist, dass es rund um Morbus Alzheimer noch viel Unsicherheit und viele offene Fragen gibt. Angefangen bei der Diagnose. Als verlässlicher Beleg gelten heute krankhafte Ansammlungen von Amyloid-Plaques und Tau-Bündeln im Hirn, so wie sie Alois Alzheimer einst, im April 1906, als Erster entdeckt hat, im Denkorgan von Auguste Deter. „Die einzig zuverlässige Diagnose, darin sind sich Alzheimer-Experten einig, liefert eine mikroskopische Untersuchung nach dem Tod“, schreibt Stolze. Mithin dann, wenn es eigentlich zu spät ist. Also wird versucht, schon zu Lebzeiten dieser Erkrankung habhaft zu werden, einer Erkrankung, die fatalerweise eine „unbekannte Ätiologie“ aufweist, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in ihren aktuellen Leitlinien festhalten. Über die Ursachen der Krankheit kursieren die unterschiedlichsten Theorien. Manche Experten machen dafür auch Infektionen, Entzündungen oder Metalle wie Eisen und Zink verantwortlich.

Wir haben es also mit einem Leiden zu tun, das in aller Munde ist und großen Schrecken verbreitet, wenn nicht sogar den größten, schließlich geht es hier um den Verlust der eigenen Identität, über dessen Ursachen wir aber recht wenig wissen, geschweige denn dass wir schon probate Gegenmittel zur Hand hätten. Jede vermeintliche Antwort, schreibt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, „produzierte bisher mindestens zwei neue Antworten, jede Erklärung führte zu einer weiteren Stufe von Komplexität, jeder Therapieansatz wies gefährliche Nebenwirkungen auf oder funktionierte nicht“.

„Im Dienst der Menschlichkeit“

Weltweit werden die Forschungen verstärkt, um Licht in das Dunkel zu bringen. Neben aufrichtigen Anstrengungen gibt es aber auch, wie die Wissenschaftsjournalistin schreibt, eher zwielichtige Versuche, mit der Angst der Menschen vor dem Vergessen das große Geschäft zu machen. Was heute an Früherkennung, Diagnostik und Therapie angeboten wird, steht naturgemäß auf tönernen Füßen.

Wer Arzt wird, dem geht es nicht um Prestige und Profit. Er gelobt, „sein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“. So die Theorie, die gut begründete. Denn jede gelingende Behandlung beruht auf dieser Grundlage. Der Patient könnte sich nicht gar vertrauensvoll an seinen Arzt wenden, wenn er nicht wüsste, dass der ihm auch wirklich helfen möchte und in ihm nicht bloß einen „Zahler“ sieht.

Der natürliche Lauf des Lebens

Doch leider gibt es auch unter den Medizinern schwarze Schafe, die weniger das Heil ihrer Patienten im Auge haben als den Erwerb eines teuren Zweitwagens. Sie bieten schon heute „Gedächtnistrainingskurse“ und Präparate an, deren Nutzen höchst zweifelhaft ist, die aber in jedem Fall ein einträgliches Geschäft darstellen.

Eine verwirrte Mutter erkennt selbst ihren Sohn nicht mehr. Jeder kennt solche Fälle, entweder aus seinem eigenen Umfeld oder aus Medienberichten. Und sie künden natürlich von einer schrecklichen Krankheit. Dieser Gedächtnisverlust ist allerdings nicht gleichzusetzen etwa mit dem Vergessen von Zahlen Namen, das nicht in jedem Fall eine sich unheilvoll anbahnende Demenz ankündigen muss, es kann sich hier auch um einen natürlichen Abbauprozess handeln. Ein 70-Jähriger klagt ja auch nicht darüber, dass er im Laufduell nicht mehr mit einem 20-Jähringen mithalten kann. Wie es wichtig ist, der Alzheimer-Krankheit auf die Spur zu kommen, so ist es nicht weniger wichtig, eine gewisse Demut vor dem natürlichen Lauf des Lebens an den Tag zu legen, also auch dem Kopf zuzugestehen, dass er wie der restliche Körper mit der Zeit an Leistungskraft einbüßt.

Von W. Müller, Ärzte Woche 14 /2012

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