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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 1. April 2012

Nachgefragt: Herr Professor, was besagt die Chaostheorie?

Vor vielen Jahren wurde ich von einem Kollegen der Wirtschaftsuniversität gebeten, anlässlich eines Controllertags den Einführungsvortrag zu halten, und zwar zum Thema Chaos-Management. Ich zeigte ein ganz einfaches chaotisches System: ein Pendel, das an drei Magneten vorbeischwingt. Es führt Figuren aus, die nicht vorauszusagen sind.

Die Chaos-Theorie sagt im Wesentlichen: Es gibt ganz einfache mechanische Systeme, die, anders als wir vermuten würden, nicht vorausberechnet werden können. Nun scheint das der klassischen Physik zu widersprechen, die sagt, dass bei gleichen Anfangsbedingungen immer die Zukunft vorausberechnet werden kann. Allerdings: Bei chaotischen Systemen müssten wir die Anfangsbedingungen unendlich genau kennen. Und das ist nicht möglich, weil die Anfangsbedingungen Messwerte und Messwerte nie unendlich genau sind. Das heißt, unter diesen Bedingungen ist es grundsätzlich unmöglich, Voraussagen zu machen.

Die Chaostheorie bedeutete einen gewissen Durchbruch – allerdings zu einer Zeit, als es die Quantenmechanik bereits gab. Und die Quantenmechanik hatte schon vorher gesagt, dass wir die Anfangsbedingungen eines Systems nicht exakt kennen und daher immer Unschärfen gegeben sind. Ich habe bei der Veranstaltung zu den Teilnehmern gesagt: Wenn Sie in Ihrer praktischen Tätigkeit als Manager davon profitieren, wenn Sie Begriffe der Chaostheorie verwenden, wie zum Beispiel Schmetterlingseffekt oder Selbstähnlichkeit, dann ist das wunderbar.

Sie müssen nur wissen: Es handelt sich dabei um Poesie und nicht um Physik. Und dieser Unterschied ist sehr wichtig: Wer Begriffe der Physik verwendet, hat damit noch lange nicht die Exaktheit der Physik! Doch gerade das wird gerne insinuiert. Denn die Physik genießt heute einen großen Nimbus. Carl Friedrich von Weizsäcker hat sogar einmal gesagt, die Physik sei die Religion der Neuzeit.

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