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Leben 21. März 2012

Doktor Köpenick

Nicht alles, was wie ein Arzt aussieht, wie ein Arzt behandelt und wie ein Arzt redet, ist auch ein Arzt.

Jetzt ist es schon wieder passiert, dass sich ein Normalsterblicher als Arzt ausgegeben hat. In diesem Fall war der falsche Kollege als Ausbildner für Sanitäter tätig, hat al-so selbst keine Hand an Patienten angelegt. Das ist nicht immer so, denn es kommt auch vor, dass sich Hochstapler die höchsten medizinischen Weihen verleihen und als Oberärzte oder Abteilungsvorstände tätig sind. Interessanterweise lässt sich eine solche medizinische Köpenickiade über eine lange Zeit aufrechterhalten, ohne dass jemand Verdacht schöpft. Das sollte uns zu denken geben.

Der Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt, der als „Hauptmann von Köpenick“ in die Geschichte einging, zeigte vor, wie weit man durch freche Amtsanmaßung kommt. Je bestimmter das Auftreten, je größer die Chuzpe, desto leichter ist es, im ergaunerten Sattel zu bleiben. Denn die Schwindler stolpern nur selten über ihre fachliche Inkompetenz oder verpfuschte Patienten. Meist ist es Zu-fall, dass beim Aktenschlichten Ungereimtheiten auffallen und ans Licht kommt, dass ein Klinikchef weder habilitiert, promoviert, immatrikuliert oder maturiert hat, vielleicht nicht einmal die vierte Klasse Volksschule positiv abgeschlossen hat.

Dann tritt im System das Phänomen der „fäkalen Hyperthermie“ ein, sprich „die Kacke ist am Dampfen“. Denn hier steht nicht ein Hochstapler am Pranger, der die Sympathien der Bevölkerung auf seiner Seite hat, sondern eine ehrwürdige Gesundheitseinrichtung, die einem Narren folgt. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ein Patient durch die Tätigkeit eines Betrügers zu Schaden gekommen oder noch schlimmer, wenn ein Haufen von Patienten durch die Behandlung des Hochstaplers geheilt worden wäre.

Natürlich gibt es so etwas wie ein Grundvertrauen und man geht nicht primär davon aus, dass die Promotionsurkunde akribisch gefälscht und ein grauer Arbeitsmantel verbotenerweise in einen weißen Kittel umgefärbt wurde. Insofern kann man hier nicht von fahrlässiger Postenver- gabe sprechen. Und ein handwerklich geschickter Mensch wird als Chirurg ebenso wenig auffallen, wie ein schrulliger Bücherwurm als Pathologe oder ein cholerischer Egozentriker als Primar.

Übrigens: Im deutschen Köpenick herrscht zurzeit akuter Ärztemangel. Also wären ein paar Kollegen mehr nicht schlecht. Auch wenn sie nicht ganz echt sind.

Von Dr. Ronny Tekal-Teutscher Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at

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