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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 21. März 2012

Nachgefragt: Neue Volkskrankheit Demenz

Herr Professor, angeblich soll es eine neue Volkskrankheit geben: die Demenz.

Ich möchte mich da nicht in Expertenwissen einmischen, nur einige Gedanken dazu. Zunächst: Die Welt ist ja nicht eine materielle Realität, in der wir wie Zuschauer herumgehen, sondern das, was wir als Welt bezeichnen, wird ja zum großen Teil von uns selbst gemacht. Ich unterscheide zwischen Realität und Wirklichkeit. Realität ist das, was es gibt, sich aber unserem Zugriff entzieht. Philosophen vor und nach Kant haben immer gesagt: Das Ding an sich ist uns nicht zugänglich.

Das, was wir als Welt bezeichnen, ist eine zum großen Teil von uns selbst kreierte Wirklichkeit. Wenn ein neuer Begriff aufkommt, so ist das auch etwas, was erst einmal von uns selbst geschaffen wird. Unsere Beschäftigung mit der Demenz lässt auch sie erst zur Wirklichkeit werden. Würden wir uns anders mit ihr beschäftigen, so würde auch die Demenz andere Formen und Ausmaße für uns erhalten. Dies aber nur als kleiner Hinweis.

Nun ist ja der Mensch ein sehr kompliziertes Wesen. Und eine Demenz, zumindest in ihren Anfängen, hat ja nicht nur schlechte Seiten: Es handelt sich dabei um eine Form der Regredierung. Der Kranke erhält Schutz, den er sonst vielleicht nicht erhielte. Man muss sehen, dass eine Erkrankung vom Betroffenen nicht immer nur negativ gesehen wird. Sie kann auch eine Flucht bedeuten. Eine Flucht aus einem Leben, das möglicherweise als schwer bewältigbar erscheint.

Beim Ersten Wiener Dialog über Ganzheitsmedizin wurde ich gebeten, ein Seminar zu leiten. Ich war, glaube ich, der einzige Nichtmediziner im Saal, doch mit den Teilnehmern fand ich sehr schnell zu dem Konsens, dass es für den Arzt oder die Ärztin sehr wichtig ist, zu wissen, ob der Patient oder die Patientin überhaupt gesund werden will.

Im Allgemeinen denkt man: Wenn einer zum Arzt geht, will er gesund werden. Das muss aber nicht der Fall sein. Denn dies kann auch eine Handlung sein, die im Zuge des Krankseinwollens notwendig ist. Ich glaube, dass das viel zu wenig beachtet wird.

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