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Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 6. März 2012

Nachgefragt: Alter und Gelassenheit

Herr Professor, kommt mit dem Alter die Gelassenheit?

Ob sie automatisch kommt, das weiß ich nicht. Das hängt in gewisser Weise davon ab, wie man sein Leben gelebt hat. Die Lebenswege können ja ganz verschiedene Ziele verfolgen. Ich habe mich immer an die Maxime von Friedrich Nietzsche zu halten versucht, die da lautet: Werde, was du bist! Das ist natürlich dialektisch gedacht. In einem meiner Bücher habe ich einmal ausgeführt, dass an den Menschen im Laufe seines Lebens vier Grundwidersprüche herantreten, wobei das Schöne ist, dass sie nicht alle auf einmal kommen, sondern der Reihe nach abgearbeitet werden können: Der erste Widerspruch, einsetzend mit der Geburt, ist der zwischen Individuum und Gemeinschaft. Man muss sich in die Gemeinschaft einfügen. Hat man das halbwegs geschafft, kommt mit der Pubertät der nächste Widerspruch: Es gibt zwei Arten von Menschen, doch ich repräsentiere nur eine. Der dritte Widerspruch ist zwischen jung und alt. Ich kann sagen: Vor fünfzig Jahren hat es auf der Welt einen Menschen gegeben, mit dem ich heute nichts mehr gemein habe, nicht einmal sehr viel gemein haben möchte, und trotzdem war das ich. Schließlich kommt der letzte Widerspruch, der zwischen Tod und Leben, und den kann man so fassen: Durch die Begrenztheit des Lebens, durch den Tod, verliert das Leben seinen Sinn. Es ist ja dann alles aus. Diese These muss durch die Antithese – erst durch den Tod gewinnt das Leben an Sinn – zur Synthese gebracht werden. Denn stellen wir uns einmal vor, das Leben wäre unbegrenzt, dann wäre es doch unendlich langweilig. Dann wäre nichts außergewöhnlich, denn alles käme irgendwann wieder. Die Zeit verliefe einfach – aber die Gunst der Stunde, die Spannung des Augenblicks, die gäbe es nicht. Wenn man diese vier Widersprüche ernst genommen hat – man braucht sie ja nicht gleich zu einer wunderbaren Synthese gebracht zu haben – dann, so glaube ich, kommt mit dem Alter die Gelassenheit.

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