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Foto: A. Ginzel
 
Leben 22. Februar 2012

Herr Professor, wann liegt eine Befindlichkeitsstörung vor und wann eine Krankheit?

Ich kann da nur von mir ausgehen, Ärzte können da gewiss eine genauere Unterscheidung vornehmen. Für mich lag zweifellos eine Krankheit vor, als ich am rechten Auge erblindet war.

Ich unterzog mich einer Operation und konnte danach wieder sehen. Das war also eindeutig eine Krankheit. Daneben gibt es aber auch einen Graubereich, wo die Sache nicht so eindeutig ist und es mehr oder weniger an mir liegt, ob ich etwas als Krankheit bezeichne oder als Befindlichkeitsstörung. Und das ist ein Bereich, dem sich unser Gesundheitssystem meiner Meinung nach zu wenig widmet. Denn nach unserer abendländischen Definition ist Krankheit die Abweichung eines Messwertes aus dem Normbereich.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert hingegen nicht Krankheit, sondern Gesundheit: „Die Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht bloß das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Und dann heißt es noch weiter in der Satzung: „Der Genuss des höchsten erreichbaren Gesundheitsstandards ist eines der Grundrechte jedes menschlichen Wesens.“

Auch Österreich hat die Satzung der WHO unterzeichnet. Also müsste dieser Gesundheitsbegriff eigentlich auch bei uns gelten. Nimmt man ihn ernst, dann ist Gesundheit nicht mehr eine Frage der Messbarkeit, sondern unterliegt bis zu einem gewissen Grad der Freiheit jedes Individuums.

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