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Fotos (5): Reinhard Werner / Burgtheater

Wer sagt, was gut und was böse ist Peter Kampits 207 Seiten, € 19,95 Ueberreuter, Wien, 2011 ISBN 9783800074761 Peter Kampits ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Und in Medizinerkreisen bestens bekannt, da Vorsitzender des Wiener Beirats für Bio- und Medizinethik. Seine jüngste Veröffentlichung nennt er eine „philosophische Reise“. Und das ist sie in der Tat. Wer sich von der Lektüre etwa eine genaue Orientierung erwartet, wie sich gutes von bösem Handeln unterscheidet, der wird enttäuscht werden. Eine Art direkte Anleitung wird nicht geliefert, aus dem einfachen Grund, weil es die nicht gibt. Denn die gleiche Handlung kann bald als gut, bald als böse gewertet werden – es kommt immer auf den jeweiligen Standpunkt an. Kampits zeigt, wie sich dieser Standpunkt im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt hat. Somit ist das Buch in erster Linie eine Reise durch die Philosophiegeschichte.

 
Leben 18. Februar 2012

Die Kunst der Intrige

„Professor Bernhardi“ am Wiener Burgtheater.

Arthur Schnitzler gilt als Autor des „süßen Mädels“. Tatsächlich ist die besondere Fin-de-siècle-Stimmung im Wien der Jahrhundertwende das Thema vieler seiner Stücke. Daneben hat er aber auch ein Stück geschrieben, das von der Zensurbehörde der Habsburger Monarchie als so brisant eingestuft wurde, dass sie es mit Aufführungsverbot belegte: „Professor Bernhardi“. Diese Tragikomödie, in der es um eine wahre Hetzjagd auf einen ärztlichen Direktor geht, steht nach der Premiere im April letzten Jahres nach wie vor auf dem Spielplan des Wiener Burgtheaters.

Ein gleißend heller Raum, der leicht schräg in den Zuschauerraum des Burgtheaters hineinragt (Bühne: Karl-Ernst Hermann): die Krankenstation des „Elisabethinums“, einer Wiener Privatklinik. „Die Sepsis“ liegt im Sterben. Eine junge Frau, die nach einem missglückten Abtreibungsversuch eingeliefert wurde. Die Ärzte können nichts mehr tun – davon ahnt die Patientin allerdings nichts, sie ist, im Gegenteil, in geradezu euphorischer Stimmung. Das Werk der Injektionen. In dieser Stimmung soll sie friedlich dahinscheiden, beschließt Professor Bernhardi, Direktor dieser Privatklinik, und verwehrt einem Geistlichen den Zutritt ins Krankenzimmer, der die letzte Ölung vornehmen möchte.

Ein Akt der tätigen Nächstenliebe. Aus medizinischer und menschlicher Sicht macht Bernhardi das einzig Richtige. Pech nur, dass er Jude ist. Ein Jude stellt sich einem Katholiken in den Weg – dieses Wort macht bald die Runde, über die Spitalsmauern hinaus, es kommt zum Prozess, an dessen Ende der ärztliche Direktor alles verliert: seine Freiheit, seinen Posten, seinen Beruf.

Ein Unschuldiger wird verurteilt. Soweit kommt es, weil sich, erstens, Bernhardi auf keine krummen Winkelzüge einlässt. Und weil, zweitens, sich viele seiner Kollegen, allesamt ehrwürdige Akademiker, nicht nur als feige Zeitgenossen entpuppen, sondern darüber hinaus auch als wahre Hetzer.

Menschen ohne Rückgrat, so zeigt Schnitzler (1862 – 1931) Vertreter jenes Berufsstandes, dem er selbst angehörte. Der Dichter war Mediziner. In diesem Stück hat er auch den Fall seines Vaters verarbeitet, der als Leiter der Allgemeinen Poliklinik 1893 von eigenen Kollegen wüst angegriffen wurde. Immerhin: Von den insgesamt – rekordverdächtig – 12 Medizinern in dem Stück sind nicht alle gewissenlose Gesellen: Dr. Pflugfelder (Udo Samel) und Dr. Löwenstein (Martin Schwab) halten die Wahrheit hoch – und die Unverfrorenheit der Heuchler lässt sie regelrecht körperlich leiden, es schüttelt sie, fast müssen sie sich übergeben.

Schnitzler bewies Mut – und musste den mit einem Aufführungsverbot seines Stücks („wegen vielfacher Entstellung hierländischer Zustände“) während der Habsburger Monarchie bezahlen; die Uraufführung erfolgte 1912 nicht in Wien, sondern in Berlin. Der Autor bewies auch Weitblick – er nahm jene Pogromstimmung vorweg, die sich bald unheilvoll ausbreiten sollte.

Das Burgtheater präsentiert ein Stück Zeitgeschichte – zur richtigen Zeit, denn die aufgezeigte Problematik ist heute vielleicht aktueller denn je. Denn Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit sind Tugenden, die hierzulande und heutzutage so selten sind wie damals.

Schnitzler zeichnet ein düsteres Bild – doch die wunderbare Inszenierung von Dieter Giesing auch ein hoffnungsvolles: Joachim Meyerhoff spielt die Hauptperson, und in keiner Sekunde zeigt er sie als gebrochenen Menschen. Bernhardi hat sich nichts zu Schulden kommen lassen, also hat er allen Grund, weiter aufrecht durchs Leben zu gehen. Und das tut er auch, ja, oft lächelt er sogar süffisant: Ein weiser Mensch, der um die Abgründe des Menschen weiß und den daher nichts mehr so schnell erschüttern kann. Das Stück eines Mediziners über Mediziner, das sich gerade Mediziner nicht entgehen lassen sollten!

Von W. Müller , Ärzte Woche 7 /2012

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