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Von den Apotheken aus begann der Siegeszug der hochprozentigen Destillate, die schließlich auch als Genussmittel verwendet wurden.

Paracelsus (1493–1541) gilt als „Jahrtausendmensch“ der Alchemie und Pharmazie und letztlich auch der Mixologie (siehe auch Buchtipp).

Prof. Dr. Markus Metka, Koautor von Cocktails, hier in seiner Lieblingsapotheke in Wien „Zum Goldenen Reichsapfel“.

Cocktails Die besten Drinks der legendären Apotheke Bar in New York Albert Trummer, Markus Metka 176 Seiten, € 25,00 Brandstätter, 2011 ISBN 9783850333894

 
Leben 13. Februar 2012

Von der Alchemie zur Mixologie

Schon die alten Ägypter hatten ihre Anti-Aging-Tricks.

Der verantwortungsvolle Umgang mit Alkohol hat ein unschätzbares Potenzial für unsere Gesundheit, das haben die Menschen schon früh bemerkt – zumindest vor 5.000 Jahren, wie man aus dem alten Ägypten weiß. Und so kann Alkohol als erstes wirksames Heilmittel angesehen werden.

 

Weil die Ägypter dem Wein heilende Kräfte zusprachen, gaben sie ihren Toten Wein mit auf den Weg zum Totengericht. Aber nicht nur Wein, auch Bier war ein wichtiger Bestandteil der altägyptischen Heil- und Anti-Aging-Mittel. Schon Skorpion I., einer der ersten Pharaonen, ließ Wein anbauen und ihn mit allerlei Kräutern wie Koriander, Minze, Salbei oder mit Zimt oder Pinienharzen versetzen. So schmeckte der Wein nicht nur besser, sondern er enthielt auch medizinisch wirksame Stoffe.

Glühwein und Grippemittel

Nicht von ungefähr erreichte gerade der ägyptische Adel meist ein hohes Alter. Wer es sich leisten konnte, tat so manches dafür, vital zu altern. Als besonders wichtige Voraussetzung dafür, ja richtiggehend als Jungbrunnen, galt schon damals eine gesunde Ernährung.

Der mit allerlei Kräutern und Honig versetzte Gewürzwein der Ägypter feierte Jahrtausende später sein Comeback: als Glühwein, aber auch als Heilmittel gegen grippale Infekte. Zimt etwa wirkt entzündungshemmend, Gewürznelken bekämpfen Viren und Bakterien, und auch Sternanis, der durchwegs im Glühwein enthalten ist, hat deutlich antivirale Effekte und wird mittlerweile sogar bei der Erzeugung des Grippemittels Tamiflu® eingesetzt.

Die „Apothecae“ der Mönche

Der Leitsatz des Hippokrates, des Urvaters der abendländischen Medizin, „Lass die Nahrung deine Medizin und Medizin deine Nahrung sein“, klingt einerseits von der Weisheit der Ägypter inspiriert, andererseits könnte so auch eine Empfehlung der modernen Anti-Aging-Forschung lauten. Die Erkenntnis der antiken Ärzte – besonders des Hippokrates und des Celsus und Galen – fanden fruchtbaren Boden in den Klöstern des Mittelalters. Heilende Kräuter und Gewürze spielten dort eine große Rolle, und die Mönche bewahrten sie in eigenen Räumlichkeiten auf, den „apothecae“.

Flavonoide gegen Entzündungen

„Der Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste“, so behauptete schon Plutarch vor bald 2000 Jahren. Was im Volke stets ein offenes Geheimnis war, belegt nun auch eine Studie der medizinischen Universität von Massachusetts: Drei Gläser Wein pro Woche reduzieren das Risiko, an Herzinfarkt zu erkranken, um 30 Prozent. Diese lebensverlängernde Wirkung resultiert speziell aus den Weininhaltsstoffen Resveratrol und Quercetin. Resveratrol ist in hoher Dosis in der Haut roter Trauben zu finden – ein Liter Traubensaft schafft es bereits auf 200 µg Resveratrol, ein Liter Rotwein hingegen kommt auf 30 bis 50 mg. Resveratrol und Quercetin zählen beide zu den Flavonoiden und verbessern unter anderem nachweislich die Durchblutung, bekämpfen Sauerstoffradikale und somit auch sogenannte stille Entzündungen, die man anfänglich nicht bemerkt, die aber gefährliche Faktoren für Herzinfarkte oder Demenzerkrankungen sein können.

Vom Aqua ardens zum Aqua vitae

Das eigentliche Geheimnis des jung machenden Alkohols ist jedoch von alters her das Destillat. Der griechische Philosoph Aristoteles beschrieb bereits vor 2300 Jahren eingehend, wie sich erhitzter Wein als Wasser niederschlägt. „Aqua ardens“ – brennendes Wasser – stand bei den Alchemisten wegen seiner vielfältigen Eigenschaften hoch im Kurs, fand aber auch bei den Medizinern als Heilmittel Anerkennung.

Eine Weindestillation wurde erstmals 1167 im medizinischen Lehrbuch des Alchemisten Salernus dokumentiert, doch erst Taddeo Alderotti, der Gründer der medizinischen Schule Bolognas, schuf im 13. Jahrhundert aus dem Aqua ardens der Alchemisten das Aqua vitae der Mediziner. Das Lebenswasser galt bald als magisches Allheilmittel und wirkte, nach der Meinung der damaligen Gelehrten, gegen alle nur denkbaren „inneren und äußeren Übel“. Es sollte sogar Gift neutralisieren, gegen die Pest helfen, innere und äußere Kälte bekämpfen, als Aphrodisiakum und Schönheitsmittel wirken und – die Jugendlichkeit bewahren und das Leben verlängern.

Potenzierte Heilkraft

Von einer Medizin, die derart positiv ins Leben eingreifen sollte, versprachen sich rasch nicht nur Leidende einiges, und so wurde das Lebenswasser außer als Medizin bald auch als Genussmittel verkauft. Kurz darauf reicherte man das „Aqua vitae“ aus gesundheitlichen wie geschmacklichen Gründen – ähnlich wie die Ägypter ihre Weine – mit allerlei Kräutern und Gewürzen an, indem man die Substanzen entweder einfach in ein Destillat einlegte oder sie gleich von Anfang an mitbrannte. Zum großen Erstaunen schien sich die Heilkraft der Inhaltsstoffe zu potenzieren.

Das, was Ärzte und Alchemisten von damals nur durch praktische Anwendungen demonstrieren konnten, ist heute medizinisch erklär- und nachweisbar. Grundsätzlich gilt: Je länger man Lebensmittel lagert, desto geringer werden ihre positiven Wirkstoffe. Einige Substanzen aber, so zeigten die Forschungen, verkehrten diesen Grundsatz ins Gegenteil, denn Früchte wie Erdbeeren oder Brombeeren, die in Alkohol konserviert werden, wirken nach 14 Tagen im Alkoholbad deutlich frischer als die unbehandelten Beeren. Außerdem speichert der Alkohol die antioxidative Wirkung der Früchte. Und nicht nur das, er erhöht die gesundheitsfördernden antiinflammatorischen und antikanzerogenen Substanzen um ein Vielfaches.

Alkohol in Maßen sowie die passenden Kräuter, Gewürze und Früchte können also durchaus die richtigen Zutaten „ewiger Jugend“ sein.

 

Prof. Dr. Markus Metka ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Er ist Präsident der Österreichischen Menopause- und Andropausegesellschaft und veranstaltet Fachseminare zum Thema Anti-Aging. Im Dezember hielt er im Rahmen des Kongresses Menopause Andropause Anti-Aging 2011 einen Vortrag zum Thema „Alchemie und Mixologie.“

Von M. Metka , Ärzte Woche 7 /2012

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