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Die Gesundheitsberufe, die Politik und die Bevölkerung müssen von den Vorteilen eines elektronischen Gesundheitswesens gleichermaßen überzeugt werden.
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Mag. Heinrich Burggasse
Präsident der österreichischen Apothekerkammer

 
Leben 9. Februar 2012

2012: Vertrauensbildende Maßnahmen auf breiter Front

400.000 Kundenkontakte pro Tag machen deutlich, dass die Rolle des Apothekers bzw. der Apothekerin als Meinungsbildner in der Gesundheitswirtschaft nicht unterschätzt werden darf.

Die österreichischen Apotheken bieten Qualität auf höchstem Niveau und sind ein wichtiger Gesundheitsnahversorger. Das bestehende Apothekensystem garantiert eine flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln und stellt die Versorgung der Patienten in den Mittelpunkt.

 

Die Beratungskompetenz ist eine der zentralen Leistungen der Apotheker. Etwa 5.500 akademisch ausgebildete Apothekerinnen und Apotheker in 1.310 Apotheken stehen tagtäglich der Bevölkerung in Gesundheitsfragen zur Seite und unterstützen bei Prävention und Therapie. Und doch wird ihre Arbeit nach wie vor oft unterschätzt. Welche Pläne die Österreichische Apothekerkammer hier in Richtung einer Imagekorrektur hat und welche aktuellen Fragestellungen auf die Standesvertretung dieses Jahr zukommen, erklärt Mag. Heinrich Burggasser, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer, im Gespräch mit Apotheker Plus.

 

Heimische Apotheker haben eine enorme Breitenwirkung, wenn es um Gesundheitsthemen geht. Wie wollen Sie diesen Stellenwert noch weiter verbessern?

Burggasser: In der Tat sehen wir deutlich, dass wir bei der Durchdringung der Bevölkerung mit aktuellen Themen einen enormen Beitrag leisten können. Wir haben das beispielsweise bei der Kampagne über Arzneimittelfälschungen gut beobachten können, aber auch wenn wir in den Apotheken Aktionen zu Gesundheitsthemen anbieten, ist die Resonanz in der Bevölkerung sehr hoch. Wir haben in den 1.310 Apotheken ja immerhin rund 400.000 qualifizierte Patientenkontakte pro Tag, das kann uns kaum jemand in der Gesundheitsbranche nachmachen! Dass es hier noch Verbesserungspotenzial, vor allem bei der Kooperation mit anderen Gesundheitsberufen gibt, liegt aber auch auf der Hand.

 

Meinen Sie damit konkret das Verhältnis zwischen Ärzten und Apothekern?

Burggasser: Ja, aber ich möchte kein falsches Bild erzeugen. Im Tagesgeschäft klappt die Zusammenarbeit zwischen den Ärzten und Apothekern ganz hervorragend. Viele Entscheidungen laufen über sehr kurze Wege, und das ist jedenfalls im Sinne der Patienten. Es wäre aber auch schön, wenn wir etwa auf der Ebene der Interessensvertretung, also der Ärztekammer und der Apothekerkammer, auch noch mehr im Sinne der Gesundheit zusammenarbeiten würden. Das ist für mich eine Vision, die ich mit Nachdruck vertreten werde, nicht zuletzt zum Wohle aller Patienten! Unsere deutschen Nachbarn sind für mich hier ein gutes Vorbild. Da klappt die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern besonders gut. Wir wünschen uns jedenfalls viel mehr Miteinander als ein Gegeneinander, und daran werden wir heuer aktiv arbeiten.

 

Welche großen Themen werden die Apothekerkammer 2012 noch beschäftigen?

Burggasser: Natürlich liegt die Gesundheitsreform ungebrochen im Trend, wobei wir aber derzeit noch nicht genau sagen können, welche Schwerpunkte kommen werden. Fakt ist, es gibt Verbesserungspotenziale, und die müssen gehoben werden. Im Spitalsbereich sind Fehlallokationen evident, was aber nicht heißt, dass wir jetzt wahllos einsparen sollen und damit eventuell die Versorgung verschlechtern. Ich bin nicht der Meinung, dass wir im Arzneimittelbereich sparen sollten, vielmehr geht es um Verbesserungen in der Versorgungsstruktur, und das erfordert weitreichende Pläne.

 

Wie wird es mit der E-Medikation weitergehen?

Burggasser: Im Bereich E-Health stehen wir vor der großen Herausforderung, dass wir vertrauensbildende Maßnahmen setzen müssen. Die Gesundheitsberufe, die Politik und die Bevölkerung müssen von den Vorteilen eines elektronischen Gesundheitswesens gleichermaßen überzeugt werden. Schließlich soll das Ergebnis sowohl den Anwendern und Entscheidern als auch den Patienten zugutekommen. Ich denke, dass es hier viele Möglichkeiten gibt, Prozesse zu optimieren, und genau das müssen wir kommunizieren. Wir müssen weg von Sorgen und Ängsten, hin zu einer positiven Veränderung kommen.

 

Wie können sich die Apotheken auf das E-Health-Thema vorbereiten?

Burggasser: Wir müssen abwarten, wie weit das ELGA-Gesetz jetzt das Licht der Welt erblickt. Wir haben daran aktiv mitgearbeitet, und eines ist mir dabei ganz wichtig: Der Mensch muss im Mittelpunkt der Reformbemühungen stehen, nicht die Technik. Berechtigte Sorgen müssen ernst genommen werden, aber wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es gibt schließlich auch viele Vorteile, wie etwa die Vermeidung von Doppelbefundungen oder Doppelverordnungen oder die genaue Übersicht über Neben- und Wechselwirkungen.

Die Pharmazeuten wehren sich gegen die Einführung des Bakkalaureats. Wird es dabei bleiben?

Burggasser: Wir versuchen deutlich zu machen, dass es nicht sinnvoll ist, diese universitäre Ausbildungsschiene ins Leben zu rufen, denn es gibt kein Berufsbild und keine Arbeitsplätze dafür. Es ist vorprogrammiert, dass ein Bakk. pharm. auf dem Abstellgleis landet. Der Großteil der Absolventen des Pharmaziestudiums muss einen passenden und den Qualifikationen entsprechenden Arbeitsplatz finden, sonst wird der Beruf unattraktiv. Gerne unterstützen wir die Universitäten bei einer Reform des derzeitigen Studienplanes, aber das ist vorrangig Aufgabe der Hochschulen. Wir können nur die Erfahrungen und Notwendigkeiten aus der Praxis einfließen lassen.

 

Stichwort „Krankenhausapotheken“ – welche Themen prägen hier die Diskussion?

Burggasser: Kurz und bündig: Wir haben zu wenige. In jedes Spital gehört eine Krankenhausapotheke, weil sie den sinnvollen Einsatz der Arzneimittel unterstützt, auch im Hinblick auf die Ökonomie. Arzneimittelkommissionen in Spitälern sind ein relativ einfach zu realisierendes und durchwegs sinnvolles Sparprogramm, dem man bisher noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.

 

Sind neue Regelungen im Hinblick auf die Öffnungszeiten zu erwarten?

Burggasser: Aus Umfragen wissen wir, dass die Bevölkerung grundsätzlich mit den Öffnungszeiten zufrieden ist, zumal wir ja flächendeckend Bereitschafts- und Nachtdienste anbieten. Einzelne Kollegen, vor allem jene in Einkaufszentren oder Frequenzlagen, fordern eine Reform. Natürlich kann man immer Verbesserungen anbieten, aber ob eine Ausweitung der Öffnungszeiten auch für unseren Berufsstand sinnvoll ist, halte ich für fraglich. Immerhin erbringen wir jetzt schon eine Reihe von Leistungen, die wir nicht honoriert bekommen, wie etwa Nacht- oder Bereitschaftsdienste, da sehe ich keine Veranlassung, jetzt auch noch über die Öffnungszeiten in den Konkurrenzkampf zu treten.

 

Welchen Wunsch haben Sie persönlich für 2012?

Burggasser: Ich wünsche mir, dass die Leistungen, die Apotheker erbringen, in der Öffentlichkeit und im Gesundheitswesen besser anerkannt werden. Hand in Hand damit ist es wünschenswert, das Wissen und die Kompetenz der Apothekerschaft intensiver zu nützen. Es geht dabei nicht darum, in fremden Gärten zu wildern, sondern einem akademischen Berufsstand auch ausbildungsadäquate Aufgaben zuzugestehen. Hier hoffe ich auf einen baldigen Schub, beispielsweise im Bereich Disease Management. Andere Länder zeigen uns bereits vor, dass es im Bereich Dauermedikation oder „minor illnesses“ durchaus Potenzial für den Einsatz der Apotheker gibt. Vor allem vor dem Hintergrund des drohenden Ärztemangels sollten diese Optionen durchaus überlegenswert sein!

 

Das Gespräch führte Renate Haiden

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