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Giorgio de Chirico: Malinconia (Detail), 45,8 x 30,2 cm.

Tullio Crali: Le forze della curva (Detail), 1930, Öl auf Leinwand, 71,5 x 102 cm.

„Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element, worin er schwebt … Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt.“ Johann Wolfgang von Goethe, 6. Juni 1825

Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiei Markus Brüderlein (Hrsg.) 304 Seiten, € 49,80 Hatje Cantz Verlag, 2011 ISBN 9783775732420

 
Leben 8. Februar 2012

Balance zwischen Tatendrang und Besinnung

Kunstmuseum Wolfsburg: „Die Kunst der Entschleunigung“.

Halt! Stop! Das möchten heute viele Menschen rufen, in Zeiten, da nur noch eine Maxime zu gelten scheint: immer mehr, immer schneller! Die Beschleunigung bringt vor allem eins: mehr Frust und Leid und Krankheiten. Nicht zuletzt unter Ärzten steigt die Zahl der Burnout-Opfer. Wie reagieren Künstler auf den gesellschaftlichen Wandel, heute wie früher? Antworten liefert das Kunstmuseum Wolfsburg.

 

Der Museumsbesuch selbst ist schon ein Akt, um der Alltagshektik zu entfliehen. Plötzlich scheint ein anderes Zeitmaß zu gelten. Eile ist nicht geboten, zumindest wenn dem Besucher kein Termin im Nacken sitzt kein hoher Besucherandrang herrscht. Er kann sich treiben lassen und hier und dort verweilen. Der Besucher ist Herr über seine Zeit. In gelingenden Momenten hat der Museumsbesuch viel gemein mit einem Kinobesuch: Der Rezipient vergisst temporär die sogenannte Wirklichkeit, auch alle Sorgen und allen Ärger des Tages, und taucht in eine andere, imaginäre Welt ein. Er findet Ruhe und Entlastung.

Das Museum: eine Parallelwelt, ein Ort der Entschleunigung. Dies ist eine dem Haus gewissermaßen inhärente Qualität. Wie es die Kunst selbst mit der Entschleunigung hält, das ist Thema einer aktuellen Schau im Kunstmuseum Wolfsburg. Untertitel: „Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei“. Der Bogen wird also gespannt vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in unsere Gegenwart.

Watts Dampfmaschine

Wann unser Leben an Fahrt gewonnen hat, wann jene Hektik aufkam, die heute als großer Krankmacher gilt, ist schwer zu sagen. Erstens haben wir keine Ahnung – oder besser gesagt: wir können nur ahnen –, wie Menschen in früheren Zeiten gelebt haben. Zweitens ist Tempo und Zeitknappheit etwas, das individuell ganz unterschiedlich empfunden wird. Krankenhausärzte klagen über die vielen Überstunden, die sie leisten müssen, Manager erzählen voller Stolz von ihrer 60-Arbeitsstunden-Woche.

Das Ausstellungsteam um den Wolfsburger Museumsleiter Markus Brüderlin setzt den Beginn der Beschleunigung vor etwa 200 Jahren an, als die sogenannte industrielle Revolution sich von England aus über die ganze Welt auszubreiten begann. Das Leben im Rhythmus der Natur verlor an Bedeutung, nun war es Watts Dampfmaschine, die sich als neuer Taktgeber etablierte. Eine gewaltige Umwälzung, die wie alle Umwälzungen von den einen als Fortschritt begrüßt und von anderen als Verlust beklagt wurde.

Futuristen in Italien

Künstler leben nicht im luftleeren Raum. Ihnen wird nachgesagt, ein besonders feines Sensorium für gesellschaftliche Veränderungen zu haben und sie, gewollt oder ungewollt, in ihren Werken zu verarbeiten. Und da Künstler auch nur Menschen sind, finden wir bei ihnen genauso ganz unterschiedliche, ja konträre Reaktionen. Besonders deutlich wird das Anfang des 20. Jahrhunderts. Zu jener Zeit bestimmen technologische Innovationen das Arbeits- und Gesellschaftsleben. Eine Entwicklung, die von den sogenannten Futuristen, einer in Italien aufkommenden Kunstbewegung, euphorisch begrüßt wird. Sie schwärmen von der Schönheit des Automobils und bilden Tempo und Geschwindigkeit unmittelbar in ihren Bildern ab. Zur gleichen Zeit malt der in Griechenland aufgewachsene Maler Giorgio de Chirico in Florenz Werke, die eine metaphysische Welt der Stille beschwören.

Zwei ganz konträre Positionen. These und Antithese: Dieses Wechselspiel zieht sich, wie die Ausstellungsmacher zeigen, wie ein roter Faden durch die Kunstgeschichte. Beide Positionen können sich auch in einer einzelnen Person finden, dazu führt die Wolfsburger Schau exemplarisch Johann Wolfgang von Goethe an: Der Herr Geheimrat war in Staatsdiensten, in der Pflicht – und wollte auch frei und ungebunden sein, daher unternahm er seine berühmte Reise nach Italien. Raus aus der Hektik und Verantwortung, hin zur Ruhe und Einkehr. In seinem Garten hatte er den „Stein des guten Glücks“ aufgestellt: eine Kugel, die auf einem stabilen Quader balanciert. Diese Skulptur will sagen: Das Gleichgewicht zwischen Tatendrang und Besinnung ist stets auszubalancieren. Das gilt auch heute noch – und ist vielleicht aktueller denn je.

Von W. Müller , Ärzte Woche 6 /2012

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