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Foto: A. Ginzel
Prof. Dr. Herbert Pietschmann war Vorstand des Instituts für theoretische Physik, Uni Wien
 
Leben 31. Jänner 2012

Nachgefragt: Das Engagement für die Ganzheitsmedizin

Herr Professor, warum engagieren Sie sich in der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin?

Der Grund ist einfach: Ich persönlich leide sehr darunter, dass es uns im Abendland offensichtlich unmöglich ist, das sogenannte mechanistische Denken zu überwinden. Dieses Denken ist im 17. Jahrhundert entstanden und hat vier Wurzeln: Die erste stammt von Galilei, dem Vater der Naturwissenschaft, und lautet: Alles, was messbar ist, messen, und was nicht zu messen ist, messbar machen!

Die zweite stammt von seinem Zeitgenossen Descartes, der sagte: Wir müssen alles in die kleinsten Teile zerlegen, um von dort aus das Ganze zu verstehen – woran wir uns bis heute halten: Wir gehen bei der Materie bis auf die Atome und Elementarteilchen zurück und bei den Lebewesen bis auf die Gene.

Die dritte Wurzel geht auf Aristoteles zurück, der ein Entweder-oder-Denken propagierte. Und die vierte schließlich auf Newton: Für alles muss eine Ursache gefunden werden! Dieses Kausalitätsdenken ist uns so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir uns, wenn wir verkühlt sind, als Erstes fragen: Wo ist das passiert? Und dann fällt uns ein: Richtig, vor drei Tagen war ich verschwitzt und mir war kalt. Das ist mit Sicherheit nicht die richtige Ursache, doch ich bin zufrieden, einfach aus dem Grund, weil ich eine Ursache gefunden habe.

Dieses Denken ist seit 1925, also seit mehr als 80 Jahren, in der Physik überholt. Denn die Quantenphysik sagt erstens: Es gibt für Einzelereignisse keine Ursache. Und zweitens: Das Entweder-oder-Denken ist auf die elementaren Bausteine nicht anzuwenden. Das heißt, eigentlich sollte dieses mechanistische Denken schon seit 80 Jahren tot sein. Ist es aber nicht und hält sich stattdessen hartnäckig.

Selbst beim Menschen verwenden wir diesen Denkrahmen, doch das geht nicht, weil sich der Mensch aufgrund seiner Einmaligkeit und seiner ihm angeborenen Kreativität einer Beschreibung in diesem Denk-rahmen entzieht. Das heißt, im Gesundheitswesen halte ich es für außerordentlich wichtig, das mechanistische Denken zu überwinden und von der naturwissenschaftlich orientierten Schulmedizin zur Ganzheitsmedizin zu gelangen – nicht zur Alternativmedizin, denn es gibt keine Alternative zur Schulmedizin, wohl aber eine Ergänzung.

Ich fühle mich vor allem aufgrund meiner Herkunft als Physiker dazu verpflichtet, die Grenzen des naturwissenschaftlichen Weltbildes aufzuzeigen. Allerdings muss man da auch gleich eine Warnung aussprechen: Weil die Quantenphysik zu einem neuen Weltbild beigetragen hat, wird das Wort „Quant“ gerne als magische Vokabel verwendet, so gibt es etwa schon die „Quantenmedizin“.

Wenn man sich die genauer anschaut, wird man erkennen, dass die überhaupt nichts mit Quantenphysik zu tun hat. Das Wort wird da nur als Aushängeschild benutzt - eigentlich ein Etikettenschwindel.

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