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Foto: Roland Unger
Die Wiener Künstlerin Esther Stocker baute Boxen für die aktuelle Ausstellung.
Foto: Jens Preusse

„No red tape“ von Gerwald Rockenschaub.

 
Leben 31. Jänner 2012

Wahrung des Bewährten

Ausstellung im 21er Haus: „Utopie Gesamtkunstwerk“.

Ein Bus fährt regelmäßig durch Wien – und bietet Obdachlosen ambulante medizinische Erstversorgung. Seit 1993 besteht diese soziale Einrichtung. Was kaum einer weiß, nun aber in der aktuellen Ausstellung des neu errichteten 21er Hauses in Wien als beispielhaftes Gesamtkunstwerk angeführt wird: Ins Leben gerufen wurde diese medizinische Hilfe einst von Kunstschaffenden, von der Künstlergruppe Wochenklausur.

Alles neu – und doch bestens vertraut. Wien hat ein neues Museum, das 21er Haus, im Schweizergarten, dort, wo nebenan gerade Wiens neuer Hauptbahnhof gebaut wird. In einigen Jahren wird dieses „Museum für zeitgenössische Kunst“, eine Dependance der Österreichischen Galerie Belvedere, also zentral liegen. Jetzt liegt es noch etwas abseits, neben einer tiefen Baugrube. Ein Sonderstatus, den bereits – durchaus im positiven Sinn – das Vorgänger-Haus innehatte, das 20er Haus: 1958 von dem damals gerade 40 Jahre alten Architekten Karl Schwanzer als österreichischer Pavillon für die Weltausstellung in Brüssel entworfen, erregte die puristische Konstruktion in Stahl und Glas großes Aufsehen, so großes, dass der Bau, vollständig demontierbar, anschließend nach Wien transferiert wurde, wo er fortan als Ausstellungsraum für moderne Kunst diente.

Erinnerung an Beuys

2001 erfolgte die letzte Ausstellung im 20er Haus. Nach dreijähriger Umbauarbeit durch das Büro Adolf Krischanitz ist es Ende letzten Jahres wieder eröffnet worden, nun unter dem Namen 21er Haus. Der Charakter des pavillonartigen Gebäudes ist erhalten. Wo möglich, wurden alte Materialien wieder verwendet oder sorgsam rekonstruiert, wie beispielsweise die Kassettendecke im Eingangsbereich, und wo gefordert, wurde modernen Brandschutz- und Energievorgaben Genüge getan.

Eine gewaltige Änderung erfuhr das Haus dennoch, die sich aber eher im Hintergrund hält oder besser gesagt: im Untergrund. Zwei Tiefgeschosse sind dazugekommen, die durch ein vorgelagertes Atrium natürlich belichtet werden. Und neben dem Museum erhebt sich nun ein sechsstöckiger Turm, mit Büros für die Museumsmitarbeiter.

Das Erbe ist bewahrt, und Wien hat wieder einen schönen, vielleicht den schönsten Ausstellungsraum der Stadt. An vorige Zeiten knüpft auch die aktuelle Ausstellung Utopie Gesamtkunstwerk an, denn bereits vor 29 Jahren zeigte Harald Szeemann in diesen Räumen die Schau Der Hang zum Gesamtkunstwerk. Und wie damals sind auch wieder Hermann Nitsch und Joseph Beuys vertreten, zwei Künstler des 20. Jahrhunderts, die stets exemplarisch die insbesondere auf Richard Wagner zurückgehende Idee des Gesamtkunstwerks verfolgten, Kunst habe über seinen angestammten Bereich hinaus zu wirken und zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse beizutragen.

Die Ausstellung erinnert in einer der von der Wiener Künstlerin Esther Stocker gestalteten Boxen an Beuys Aktion von 1982: Während der documenta 7, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, ließ er unter dem Motto 7000 Eichen – Stadt-verwaldung statt Stadt-verwaltung 7.000 Basaltsteine in der Innenstadt von Kassel abladen. Jeder, der 500 DM spendete, durfte einen Stein entfernen und dafür an anderer Stelle ein Eichenbäumchen pflanzen. Nach fünf Jahre war die Aktion abgeschlossen – und Kassel um viel Grün reicher.

Medizinische Hilfe

In Wien sind es Obdachlose, die von einer Kunstaktion profitieren. Es war im Jahr 1993, da beschloss die Künstlergruppe Wochenklausur, statt in der Secession auszustellen, eine soziale Tat zu setzen, nämlich einen Beitrag zu leisten zur Verbesserung der Situation der Ärmsten unserer Gesellschaft. Die Künstler sammelten Geld und kauften einen Großraumkastenwagen – seither ist die ambulante medizinische Erstversorgung der Obdachlosen sichergestellt, mit immerhin 600 Patienten im Monat. Nun, fast zwanzig Jahre später, findet diese Aktion Würdigung in diesem Haus der Kunst.

 

Von W. Müller , Ärzte Woche 5 /2012

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