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Foto: Elfie Tripamer
Archetypisches wie etwa Schädeldecken thematisiert Walter Pichler.
 
Leben 10. Jänner 2012

Rituale der Perfektion

Walter Pichler im MAK.

Seit vierzig Jahren baut Walter Pichler an der Utopie einer Idealumwelt, die aber eigentlich schon Realität ist: Aus Holz, Lehm und einer individuellen Metall-Alchemie errichtet er im entlegenen Südburgenland perfekte Behausungen. Aus jedem Ensemble entstehen wieder neue plastisch-räumliche Themen, jedes von ihnen ist fundamentaler Natur.

 

Walter Pichler, Jahrgang 1936, umgibt eine Aura der Entrückung aus dem Kunstbetrieb. Seine Arbeit sei kaum jemals in Museen und Galerien zu sehen, heißt es. Wer sich jedoch für sein faszinierendes Projekt zwischen Plastik und Architektur interessiert, der findet die Auftritte. Vor drei Jahren gab es eine kleine Retrospektive im Innsbrucker Ferdinandeum, vergangenes Jahr auf Schloss Tirol die bewegende Ausstellung eines autobiografischen Zeichnungs-Zyklus über seine Mutter. Seit einer Dekade schon ist im Südtiroler Eggental das „Haus bei der Schmiede“ zu sehen, das Pichler für seinen gleichnamigen Cousin errichtete. Und es gibt auch, weniger bekannt und kaum zugänglich, den einen oder anderen Sammler-Raum, den Pichler für seine eigenen Arbeiten gestaltete. Kurz: Die Anzahl der Pichler-Idealumwelten für Kunstwerke und deren Sammler steigt langsam.

Nun ist im Wiener MAK bereits die zweite Ausstellung binnen zehn Jahren zu sehen, die einen Überblick über die rezenten Projekte des Zeichners, Objektkünstlers und Architekten zeigt. Beide wurden von Peter Noever, dem langjährigen, jüngst abgetretenen MAK-Chef und Freund des Künstlers initiiert. Und beide gerieten, wie alle Pichler-Ausstellungen, zu eigenständigen Raum-Kunstwerken, in denen die hieratischen Plastiken und Modelle in strengen Achsen aufeinander Bezug nehmen.

Archetypisches: Rumpf, Schädel

Die Häuser, in denen die Figuren, Schädeldecken und Negativabdrücke menschlicher Körper sonst wohnen, stehen auf Pichlers Hof im Südburgenland und können nicht gezeigt werden. Dafür sieht man viele Projekte für neue Bauten dort, etwa ein „Haus für die Drei Stäbe“ oder eine „Schädeldecke (wie ein Gebäude), unterirdisch“. Das Archetypische der Themen (Rumpf, Stäbe, Schädel) und das Chtonische der Bauten für diese Plastiken tragen viel zu ihrer Faszination bei. Ihr Gehalt für den aktuellen Architekturdiskurs? Die wichtigste Aussage betrifft wohl das knappste Gut: die Zeit. Pichler definiert sie als Arbeitsmaterial – nicht anders als Lehm, Holz oder Metall, nämlich gleichrangig. Gute Werke entstehen nur in derart ausgewogenen Zeit- und Materialverhältnissen. Unser Problem ist aber die Unausgewogenheit. Zeit ist im konventionellen Baubetrieb schon fast alles, das physisch greifbare Baumaterial hingegen scheint weniger wertvoll. Die Rechnung kann also nicht aufgehen, zumindest dann nicht, wenn man kulturell haltbare Bauten schaffen will. Pichlers Arbeit ist daher – in Fortsetzung seiner berühmten frühen, gemeinsam mit Hans Hollein entwickelten Architekturvisionen der 1960er Jahre und gemessen an unserer „Realität“ – immer noch „Utopie“. Dennoch existiert sie als Modell einer Möglichkeit. Das allein macht eine Pichler-Ausstellung lehrreich. Die Herausforderung ist die Übertragung vom Individuellen ins Kollektive.

 

Prof. Mag. Dr. Matthias Boeckl lehrt Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien und ist Chefredakteur der Fachzeitschrift architektur.aktuell.

 

Der ungekürzte Originalartikel ist erschienen in architektur.aktuell 11/2011 © Springer-Verlag, Wien.

Von M. Boeckl , Ärzte Woche 1/2/2012

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