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Foto: Thomas Struth; courtesy private collection Düsseldorf / MAK
Thomas Struth, „Le Lignon (horizontal) Genf“, 1989
 
Leben 10. Jänner 2012

Von der Metallplatte zum Chip

Kleine Geschichte der Fotografie.

In Salzburg zeigt das Museum für Moderne Ikonen der Fotografie. In Wien nicht anders: Ob die Kunsthalle, das Künstlerhaus oder das MAK, alle Häuser präsentieren aktuell Fotoausstellungen. Bedenkt man, dass vor einigen Jahren Fotografie noch gar nicht an einer der hiesigen Kunsthochschule studiert werden konnte, muss man sagen, dass dieses Kunstgenre so schnell und mächtig wie kein anderes an Reputation gewonnen hat. Die Entwicklung der Fotografie von ihren Anfängen bis heute wollen wir kurz skizzieren.

Die Frühzeit der Fotografie: Um dieses Kapitel näher zu betrachten, brauchen wir in der Geschichte nicht weit zurückzugehen, nur knapp zwei Jahrhunderte. Verglichen mit der Malerei oder der Literatur, die auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken können, haben wir es hier mit einem recht jungen Medium zu tun.

Im Jahre 1826 wurde das erste fotografische Bild gemacht, von Nicéphore Niépce. Dem Franzosen war es als erstem Menschen gelungen, das eingefangene Bild dauerhaft festzuhalten. Dazu verwendete er eine mit Asphalt lichtempfindlich gemachte Zinnplatte. Der Blick aus seinem Arbeitszimmer auf die Straße, mit der Belichtungszeit von einem ganzen Tag aufgenommen: Dieses Bild markiert den Beginn der Fotogeschichte.

Fotografie können wir ganz allgemein als die physikalische Übertragung von Licht auf eine lichtempfindliche Fläche definieren. Das neuartige Bildmedium verdankte seine Entstehung entscheidenden Innovationen auf den Gebieten der Mechanik und Chemie.

Am Anfang waren Metallplatten das Trägermaterial. Rund zehn Jahre nach Niépces Entdeckung kam die sogenannte Daguerreotypie auf, ein mit Silber arbeitendes fotografisches Verfahren, benannt nach ihrem Erfinder, Louis Jacques Daguerre (1787–1851), wieder einem Franzosen. Die Daguerrotypie bedeutete, was die Durchzeichnung des fertigen Ergebnisses betraf, eine Weiterentwicklung, auch betrug die Belichtungszeit nicht mehr Stunden, sondern „nur“ noch bis zu 30 Minuten. An „Sportfotografie“ im heutigen Sinn, an das Einfangen entscheidender Tausendstelsekunden, war zu damaliger Zeit freilich noch nicht zu denken. Die Domäne der Fotografie war vielmehr das Porträt. Die Menschen kamen zum Fotografen, ins Fotoatelier, wo sie für eine Aufnahme mehrere Minuten lang – die den Betroffenen sicherlich oft wie eine Ewigkeit vorkamen – ruhig zu verharren hatten.

Am Anfang war das Unikat

Die Daguerrotypie war wie auch Niépces erstes Foto ein Unikat. Einmalig, nicht vervielfältigbar. Das uns heute geläufige Negativ/Positiv-Verfahren, das die Reproduzierbarkeit von Aufnahmen ermöglicht, wurde erstmals von dem Engländer William Henry Fox Talbot (1800–1877) entwickelt.

Das neue Bildmedium erregte im 19. Jahrhundert größtes Aufsehen. Plötzlich gab es Bilder von der Wirklichkeit, die nicht ein Künstler, sondern ein Apparat geschaffen hatte. Das Erstaunen war grenzenlos. Wie ist es möglich, fragten sich die Menschen, eine zweidimensionale Kopie von einem realen Gegenstand herzustellen? Im Akt des Malens ist eine Hand am Werk, die das Dargestellte Zug um Zug auf eine Fläche bringt. Aber ein Foto, das entsteht ja wie von selbst! Nicht wenige Menschen waren der Ansicht, dass da Magie im Spiel sein müsse, andere, dass die Objekte durch den Akt der Aufnahme etwas von ihrer materiellen Präsenz abgegeben haben müssten, jenen Teil, der nun auf dem Foto verewigt war.

„Man getraute sich zuerst nicht, die ersten Bilder lange anzusehen. Man scheute sich vor der Deutlichkeit der Menschen und glaubte, dass die kleinen, winzigen Gesichter einen selbst sehen könnten, so verblüffend wirkte die ungewohnte Deutlichkeit“, schreibt Walter Benjamin in Kleine Geschichte der Fotografie.

Die Fotografie als getreues Abbild der Welt: Zu dieser Tendenz kam um 1900 eine Gegenposition auf. Es waren einige Fotopioniere, die später „Piktorialisten“ genannt werden sollten, denen es darum ging, diesem Bildmedium einen Platz im hehren Tempel der Kunst zu sichern. Sie experimentierten mit Chemikalien und Druckverfahren, um gerade das zu vermeiden, was nach landläufiger Meinung die besondere Qualität der Fotografie ausmachte: ihre Detailgenauigkeit. Sie wollten mit dem Fotoapparat Bilder schaffen, die wie Gemälde wirkten. Bildschärfe lehnten sie als „unkünstlerisch“ ab, und tatsächlich glichen ihre Arbeiten mehr einer Kohlezeichnung oder Radierung als einer konventionellen Fotografie.

Die Objektive wurden mit der Zeit lichtstärker, die Kameras leichter und das Fotomaterial besser. Einen entscheidenden Wendepunkt in der Foto-Geschichte stellt die vom Kodak-Gründer George Eastman entwickelte Boxkamera dar, die sehr viel handlicher war als die bisher üblichen Klapp-, Falt- und Balgenkameras. Mit ihr wurden ab 1888 die ersten „Knipserfotos“ gemacht, damals noch kreisförmige Bilder.

Handliche Kamera

„Sie drücken auf den Knopf – den Rest machen wir“, lautete das Motto. Man schickte die Kamera ein, und zurück bekam man die ausgearbeiteten Fotos samt der Boxkamera mit neu eingelegtem Film. Es entwickelte sich eine Industrie, die die Filmentwicklung übernahm. Der lichtempfindliche Film ersetzte die Kupferplatten, das Negativ-Positiv-Verfahren das Einzelwerk. Jedes beliebige Motiv konnte nun von jedermann fotografiert werden – Fotografieren begann für die Allgemeinheit interessant zu werden. Und stetig ging die Entwicklung weiter, immer in Richtung noch kleinerer und zugleich besserer Bauteile. Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Leica auf den Markt, die erste Kleinbildkamera, die in bestimmten Kreisen heute Kultstatus besitzt. Mit der neuen Technik eröffneten sich neue Möglichkeiten der Fotografie. Die handliche Kamera passte in die Manteltasche, und man konnte sie immer mit sich führen. Man war für den Fall gerüstet, dass man plötzlich Zeuge einer spannenden Situation wurde, die es wert war, im Bild festgehalten zu werden.

Die vorläufig letzte große Zäsur stellt die Verdrängung der analogen Technik durch die digitale ab den 1980er-Jahren dar: An die Stelle des lichtempfindlichen Films trat der Chip, der die empfangenen Helligkeitswerte in elektrische Spannungswerte überführt. Nun ist es eine Speicherkarte, auf der wir unsere Fotos laden.

Früher wurde der Film ins Fotolabor gebracht. Heute wird die Speicherkarte an den eigenen Computer angeschlossen. Die Bildbearbeitung ist keine Hexerei, und der Fotograf nähert sich in seiner Arbeit immer mehr dem Maler – nur dass er statt des Pinsels die Maustaste des Computers in der Hand hat.

Von W. Müller, Ärzte Woche 1/2/2012

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