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Fotos (3):  Nanut/Regal
Kontumaz in Niederösterreich – durch Quarantäne versuchte man die Seuche einzudämmen.

 Cholera Präperat Vibrio cholerae, Erreger der Cholera. 

 
Leben 15. Jänner 2012

Das asiatische Ungeheuer

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts zog die Cholera achtmal um die Welt.

1830 erreichte die Cholera erstmals Mitteleuropa. Allein in Wien wütete sie ein Jahr lang, es starben an die 5.000 Menschen. Hilflos stand man der Seuche gegenüber. Erst Robert Koch identifizierte den Erreger Vibrio cholerae gut 60 Jahre später. Der damalige deutsche Hygienepapst Max von Pettenkofer glaubte ihm nicht und forderte trotz einer falschen Theorie genau das Richtige: den Bau von Kanälen zum Schutz des Bodens und des Trinkwassers.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts entstand in Europa das Gerücht, dass Ärzte im Auftrag der Obrigkeit Arme gezielt vergiften würden. Man wolle die Zahl der armen Leute vermindern, hieß es. Und auch, man wolle mehr Leichen für die Anatomie bekommen. Tatsächlich starben wie zu Zeiten der Pest Tausende Menschen in kurzer Zeit einen grauenhaften Tod, vorwiegend in den Elendsvierteln der Großstädte. Massives Erbrechen und literweise flüssige Stühle führten zu schmerzhaften Krämpfen und die geplatzten Hautgefäße zu schwarzblauen Flecken am ganzen Körper. Oft starben die Erkrankten innerhalb von Stunden an Kreislaufversagen. Die verschrumpelten Leichen ähnelten kaum noch den eben noch völlig gesunden Lebenden. Ein schöner Tod war das nicht. Die Vermutung einer Vergiftung war letztlich gar nicht so falsch. Nur waren es nicht die Ärzte, sondern ein Bakterium, das die Menschen reihenweise vergiftete. Es war die Cholera, die sich erstmals in Mitteleuropa rasant ausbreitete. Ihr Erreger, ein toxinbildendes, kommaförmiges Bakterium, wurde erst Jahrzehnte später entdeckt.

1830 erreichte die Seuche Mitteleuropa

Seit urdenklichen Zeiten war die Cholera in Bengalen, im Mündungsdelta des Ganges, endemisch. „Mordechim“ nannten die Inder die Seuche, denschnellen Tod. Nach großen religiösen Feierlichkeiten kam es vereinzelt zu Epidemien in den Nachbarländern. Das war es dann aber auch schon. Erst ein besonders heftiger Ausbruch der Cholera am Beginn des 19. Jahrhunderts, die Truppenbewegungen des britischen Heeres bei der Kolonialisierung Indiens und der immer intensiver werdende Welthandel und Verkehr führten zu einer Verschleppung des Erregers in Gebiete der Erde, die bis dahin nie betroffen waren. Im Jahr 1830 erreichte die Seuche schließlich auch Mitteleuropa. Katastrophale hygienische Verhältnisse in den Elendsvierteln der europäischen Großstädte, keine ordentlichen Toiletten und Kanäle und verschmutztes Trinkwasser waren ein idealer Nährboden für die mörderische Seuche. Die Medizin stand der Cholera machtlos gegenüber. Mit ihren Aderlässen und Abführmitteln beschleunigten die Ärzte sogar noch den Tod. Wenigstens die Gabe von Opium war hilfreich. In Wien erkrankten 7.440 Personen. 64 Prozent davon starben bei der Epidemie von August 1831 bis zum September 1832.

Erfolglose Abwehrmaßnahmen

Über Ursache und Entstehung der Cholera gab es bereits vor dem ersten Auftreten der Krankheit in Europa einen heftigen wissenschaftlichen Streit. Zwei Lehrmeinungen beherrschten die Diskussion und prallten heftig aufeinander. Die so genannten Miasmatiker glaubten, dass Miasmen, das sind giftige Ausdünstungen von Leichen und anderen Verwesungsstoffen, welche aus dem feuchten Erdboden emporsteigen, die Luft verpesten und die Menschen infizieren. Die zweite Gruppe vertrat die Ansicht, dass ein Krankheitskeim, ein Kontagium, von Mensch zu Mensch oder durch Berührung von Kleidung oder Waren weitergegeben wird. Da sich die Cholera damals hauptsächlich entlang der großen Verkehrswege ausbreitete, geriet die Miasmentheorie zunächst ins Hintertreffen. Wie einst bei der Pest versuchten daher viele Länder sich durch militärisch besetzte „Sanitäts-Cordone“ und aufwendige Quarantänestationen zu schützen. Aber die Cholera ließ sich weder durch noch so strenge Vorschriften – gegen „Cordons-Übertreter“ konnte sogar standrechtlich die Todesstrafe verhängt werden – noch durch „Contumaz- und Räucheranstalten“ aufhalten. Die mit unglaublichem Aufwand betriebenen Abwehrmaßnahmen waren letztendlich nutzlos, behinderten den Warenverkehr und erregten damit natürlich auch den Unmut der Bevölkerung. In Wien staunte man über das „ziemlich heftige Auftreten des Seuche“ in dem fast hermetisch „abgeschlossenen Irrenthurme, der auf einem Lösshügel isoliert steht.“ Durch das Versagen der Quarantäne und der reinigenden Räucherungen bekamen wieder die Miasmatiker Oberhand, die nun auch klimatische und geographische Faktoren, eine „epidemische Konstitution“ des Ortes und eine „persönliche Disposition“ des Erkrankten in ihre Theorie einbezogen.

Verseuchtes Trinkwasser als Quelle

Erstmals beschrieb der italienische Anatom Filippo Pacini 1854 ein Bakterium als Erreger der Cholera. Seine Entdeckung wurde aber nicht beachtet. Erst durch die von Pacini völlig unabhängige Entdeckung des Vibrio cholerae als Erreger der Epidemien durch Robert Koch im Jahr 1893 wurde Pacinis Entdeckung wieder ins Gedächtnis zurückgerufen. Im Jahr 1854 hatte der Pionier der Anästhesie und Epidemiologie John Snow in London erstmals den Verdacht, dass sich die Cholera nicht durch Miasmen, sondern durch verseuchtes Trinkwasser verbreitet. Snow konnte durch seine detektivisch-akribische Untersuchung beweisen, dass bei der Choleraepidemie in Soho alle Erkrankten Wasser aus einem Brunnen in der Broad Street getrunken hatten. Nach Entfernung des Pumpenschwegels war die Epidemie beinahe schlagartig zu Ende. Aber auch dem Indizienbeweis Snows wurde kaum Beachtung geschenkt und seine Theorie erst nach seinem Tod anerkannt.

In Deutschland galt nach wie vor die Lehre des „Erfinders“ der Hygiene, von Max von Pettenkofer, München. Seiner Ansicht nach mussten die Keime aus Harn und Kot erst im feuchten Boden eine Umwandlung durchmachen, um danach als Miasma aufzusteigen. Eine Verbreitung der Cholera direkt von Mensch zu Mensch und durch das Trinkwasser hielt er für unmöglich. Prinzipiell war Pettenkofers Idee richtig, nur dass die Bakterien nicht aus dem Boden emporsteigen, sondern in der anderen Richtung ins Trinkwasser gelangen. Auch als Koch den Choleraerreger eindeutig im Wasser identifizierte, hielt Pettenkofer an seiner Theorie fest. Er trank sogar 1892 öffentlich eine Reinkultur von Cholerabakterien, um zu zeigen, dass er im Recht sei. Pettenkofer überlebte überraschenderweise seinen – wie man heute weiß – suizidalen Selbstversuch und war von nun an von seiner Theorie überzeugter denn je. Wieso er nicht todkrank wurde, ist nicht ganz klar. Stille Feiung, viel Magensäure, die bekanntlich die Vibrionen zerstören kann, und eine schwache Kultur wurden diskutiert. Durch seine Aufforderung zum Bau von Kanälen, um den Boden vor Verunreinigungen zu schützen und das Trinkwassersystem zu erneuern, bewahrte Pettenkofer jedenfalls München vor weiteren Epidemien. Trotz seiner falschen Theorie forderte er zum Glück genau das Richtige.

Noch immer sind es vor allem die katastrophalen sanitären Zustände, das Fehlen von sauberem Trinkwasser und der Mangel an hygienischem Wissen, was nach Kriegen und Naturkatastrophen irgendwo auf der Welt zu einem Ausbruch der Seuche führt, die über alte Verkehrswege und neue Reiserouten um die Welt zieht – heute wissen Mikrobiologen, dass die Erreger auch im Oberflächenfilm von Meeresalgen gedeihen und so transportiert werden. Nach wie vor breitet sich die Cholera vor allem in den Elendsvierteln dieser Erde aus. Verwunderlich ist das allerdings nicht. An vielen Orten, in vielen Städten herrschen heute noch die gleichen katastrophalen sanitären Verhältnisse wie in den europäischen Metropolen am Anfang des 19. Jahrhunderts, damals, als das „asiatische Ungeheuer“ Mitteleuropa erstmals in Angst und Schrecken versetzte.

Von W. Regal und M. Nanut , Ärzte Woche 1/2/2012

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